Dieses Buch ist eines der 5 besten, die ich in den letzten 2 Jahren gelesen habe.
Dietrich Schwanitz gelingt es einerseits, in populärwissenschatlicher Sprache dem Mann auf wissenschaftlich-analytischer Ebene ein Profil als komplexes Gebilde zu geben, das in Abhängigkeit zu sozialen, mentalen, pädagogischen und psychologischen Einflüssen seiner Umwelt steht.
Andererseits geht es keinesfalls um "Bedienungsanleitungen" für Frauen, wie in diesem Zusammenhang leider oft misverstanden wird. Dieses Werk ist interessant für beide Geschlechter, die in unterhaltsam-amüsantem und gleichzeitig überzeugend fundiertem Stil etwas über die Wechselwirkungen von Wollen, Können und Sollen in Bezug auf Geschlechtsidentität erfahren möchten. Dank Schwanitz' geradezu genialer Gabe, "trockene" Sachverhalte anschaulich darzustellen lesen sich "seine" Erkenntnisse herzerfrischend dynamisch und halten gleichsam wissenschaftlicher Analyse stand. Oft wirken die Zeilen und Stories wie Spiegel, in die man(n) schaut - und die erst richtig interessant werden, wenn man(n) wirklich ehrlich sich selbst gegenüber ist.
Jedes Kapitel, jede Seite macht Lust auf mehr, Lust auf ein Erlebnis, das sich "Ich" nennt. Dass in diesem Werk nichts wirklich Neues steht, ist sicherlich Ansichtssache. Was ist wirklich "neu"? Das meiste Wissen ist tausende von Jahre alt, evolutionsgenetisch gespeichert, maximal wiederentdeckt, also nicht neu. Was neu ist, und genau das zeichnet das Buch aus, ist seine herzerfrischende Betrachtungsweise, die zugestandermaßen teilweise sprunghafte Szenenwechsel zwischen Poesie und Sachvortrag einfügt. Klar, diese Form verlangt Einfühlungsvermögen seitens des Lesers, die Fähigkeit, auch einmal über sich selbst lachen und schmunzeln zu können(!).
Das Buch greift auch auf, inwieweit Frauen an der Entwicklung des Mannes teil haben, und zwar sozial als auch mental. Schwanitz bedient hier jedoch weder Klischees noch installiert er diese. Schwanitz spricht Wahrheiten aus, die eigentlich lange bekannt sind, streckenweise allerdings althergebrachte Bilder erschüttern - und ob der Mitverantwortung der Frauen bei diesen gelegentlich auf Ablehnung stoßen. Im Sinne des Resonanzgesetzes ist dies ein sehr interessanter Aspekt, dem sich insbesondere weibliche Leser zuwenden sollten.
So einfach, wie manche Rezensentinnen hier das Zusammenleben von Mann und Frau beschreiben, ist es nämlich (leider?) gar nicht. Unsere Welt ist komplexer. Und leider wird gerade der psychologische Aspekt in der Entwicklung vernachlässigt. Glücklicherweise greift Schwanitz ihn massiv auf.
Immer wieder beklagen sich Frauen, dass sie sich bspw. von Männern unverstanden fühlen, dass diese teilweise gefühlskalt seien, zu rational, dass sie betrügen, dass sie Machos sind. Die Reihe läßt sich beliebig fortsetzen. Allerdings: Die Frage, WARUM sie das eigentlich sind, und WARUM sie diese Rolle einnehmen, wird selten gestellt und auch selten geklärt. - Schwanitz' Buch eignet sich hierfür besonders, möge jedoch die Bereitschaft zum Denken in weit gesteckten Zusammenhängen, also vernetztes Denken, voraussetzen. Weiterhin die Fähigkeit, sich selbst einmal von außen zu sehen, also die Meta-Ebene einzunehmen.
Ich habe bisher kein besseres Buch gefunden, in dem wissenschaftliche Fachgebiete so treffend zusammengeführt werden, nämlich einerseits sprachliche Brillanz, andererseits analytische Treffsicherheit gepaart mit Beobachtungsgabe, Wortwitz und Ideenreichtum, der beinahe neidisch macht.
Daher 5 Sterne und Fazit: Uneingeschränkt lesenswert!
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Tobias Jobst
Psychologe
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