Seit 1997 gibt es im österreichischen Wieser-Verlag eine Anthologie-Reihe, die im zusammenwachsenden Europa immer wichtiger erscheint: "Europa erlesen".
Unter "Europa" verstehen die Herausgeber ganz wesentlich auch jenes Europa, das fast 50 Jahre lang - bis zum Fall des Eisernen Vorhangs - im Bewußtsein der meisten Europäer kaum existierte.
"Mähren erlesen" behandelt eine vielen unbekannte Landschaft zwischen Böhmen und der Slowakei, grenzend an Österreich im Süden und Polen im Norden. Der Band besteht aus kürzeren und längeren Texten (teilweise Ausschnitte aus längeren Werken); selbst die Lyrik kommt hier nicht zu kurz. Die AutorInnen sind in den meisten Fällen in Mähren geboren (und in den meisten Fällen mussten sie ihre Heimat verlassen) - aus welchen Gründen auch immer. Und so reisen sie - ob imaginär oder in Wirklichkeit - in ihre Kindheit, ihre Heimat zurück, denn, so einer der ausgewählten Autoren: "...die Meilensteine hat die Kindheit gesetzt".
Dass natürlich vor allem die Geschichte dieses Landes im 20. Jahrhundert - k.u.k.-Monarchie, Nationalsozialismus, Kommunismus - eine wichtige Rolle spielt, ist klar - und so reist der Leser nicht nur durch Mähren, sondern auch durch die Geschichte.
Ein besonderes Lob verdient die Herausgeberin Christa Rothmeier, die einen kleinen, aber feinen Band vorgelegt hat. Also: Nichts wie lesen - und dieses Land bald einmal besuchen. Sie werden es nicht bereuen!