Neue Generation. Hm. Kann es das gewesen sein? Klar KANN wie bei der abstrakten Malerei etwa auch bei der Lyrik Lebensweltliches weitestgehend außen vor bleiben - aber muß es das derart geballt und - größtenteils - derart verschwurbelt tun? Mir drängt sich der Eindruck auf, dass diese neue Generation in großen Teilen schlicht nichts zu sagen hat und sich aus Mangel an Mitzuteilendem lieber mit schiefen Bildern auf Unverständliches zurückzieht, das aber eben bis in die Stimmungen und Bilder hinein unverständlich ist! Dabei gibt es hier und da Stilblüten, die diesem Rückzug eine unfreiwillig komische Note verleihen: „des windes saugen an den warzigen pupillen der felsen" (S. 85) oder „nichts geschehen, doch Verschiebungen ... vage" (S. 87), besser noch „Die Brust. Die Milch. Die Trauergelatine" (S. 94). Die Trauergelatine! Ein gutes Bild, aber nur für das Buch. Oder „Ich war nie ein Land und Ich war nie ein Wir." (S. 102). Aha. Ich auch nicht. Ein gutes Bild für den Mißstand auch „das verlangen einen kirschkern gespuckt zu haben" (S. 147). Warum tust Du es nicht einfach? Oder: „... die lähmende Geometrie einer Berührung zu beschreiben" (S. 209). Das Einfachste wird verschwurbelt und erscheint merkwürdig ungelebt, hölzern und blutleer in diesem Buch. „... kein gänsefüßiges Vollstopfen mit Anmerkungen zu dieser und jener unersetzlichen Lotophagentinktur" (S. 192). Aber genau so scheint es doch! „Am Grund der Diskurse schwimmt ein Fisch" (S. 167), ein Fisch von Germanisten für Germanisten, um nicht zu sagen: von promovierten Germanisten für promovierte Germanisten, gespickt auch mit Chiffren von Bildungsangebern für Bildungsangeber: „nur die sonden blieben von den rückzügen / des pelagischen amniom, das uns umgab, reckten / sich langsam wie schwarze astern bei wachsendem / turgor, blüten, denen seltsame kinder entstiegen: wir." (S. 232). Ja, seltsame Kinder. Zitate so auszuwählen, mag unfair sein, und natürlich gibt es da hier und da auch das, das besser oder zumindest weniger schlecht gelungen ist, zum Teil von den selben Autoren. Disambiguierende Kontexte gibt es jedoch nicht. Über 95%, vielleicht bis zu 99% der Bevölkerung würden dieses Buch sehr schnell wieder zu Seite legen, falls es ihnen - zufällig - begegnen sollte. Dieser Prozentsatz ist viel zu hoch. Trotzdem und trotz der - von Ausnahmen abgesehen (Rinck, Lafleur, Flenter, Preckwitz, weitere) - sehr anstrengenden Lektüre: wer als „literarisch gebildeter Nichtgermanist" die deutsche Gegenwartslyrik kennen will, sollte sich diesen Band besorgen. Wegen der wenigen Perlen und auch einfach, um die Augen nicht zu verschließen vor der Realität der deutschen Gegenwartslyrik, die sich nicht „ihre Öffentlichkeit organisiert", wie der Klappentext verheißt, sondern offenbar auf der Flucht vor einem breiteren Publikum suizidiert.