An der Wand hing der Kalender des Jahres 1974, als ich mir mein erstes Bob-Dylan-Album kaufte. Ich war 14 Jahre alt, und um sorgsam mit meinem Taschengeld umzugehen, schien mir angebracht, alle bekannten Dylan-Nummern auf einer Doppel-LP zu haben. Ich trug "Before the Flood" zur Ladenkasse. So begann ich meine Dylan-Sammlung mit diesem Live-Album, das so rauh und rebellisch ist wie keine andere seiner Scheiben bis zu "Hard Rain". Die Texte hatten dabei von Anfang an etwas ganz Eigenständiges für mich. Deshalb kaufte ich mir die Songbooks, wie sie in großen Zeitabständen von "Zweitausendeins" herausgebracht wurden. Was für ein Tag, als endlich das umfangreiche (Fast-)Gesamtwerk bei Hoffmann und Campe erschien!
Ich kann mit der Unzulänglichkeit mancher Übersetzung leben, denn mir ist nur allzu bewusst, dass die vielen Doppelbödigkeiten, Konnotationen oder multiplen Bezugnahmen sich ohnehin zu einem solchen Unterfangen verhalten wie Quecksilber. Mir fehlen nicht die Texte von den "Traveling Wilburys" und ich finde es nicht schlimm, dass man bei den Lyrics von "Blood On The Tracks" vermutlich auf frühe Versionen zurück gegriffen hat (Teile des Albums wurden überarbeitet und neu eingespielt, nachdem bereits eine fertige Fassung vorlag). Ich finde es auch ein wenig kleinteilig, der Frage nachzugehen, ob die Texte zu den Stücken der "Basement Tapes" unter dem Zeitpunkt ihrer Entstehung/Einspielung oder der ihrer Veröffentlichung eingefügt werden sollten. Hier und da wären Hinweise auf zeitliche Bezüge oder die Entstehungsgeschichte der Songs wünschenswert gewesen, aber wer tiefer ins Werk eindringen will, kann ja bei "Dylan on Dylan" oder bei den "Chronicles" mehr dazu erfahren.
"Lyrics 1962-2001" ist die weit mehr als tausend Seiten umfassende Sammlung der veröffentlichten Songtexte Bob Dylans überschrieben worden. Ein Understatement, könnten jene einwenden, die lieber von Poems sprechen würden. Denn ein Großteil seiner Liedtexte steht auch als Gedichte auf sicherem Grund. Bereits auf der Plattenhülle von "The Times They Are A-Changin'" bewies Bob Dylan 1963 seine Ambitionen als Literat mit einer Ansammlung von Textfragmenten, überschrieben "Eleven Outlined Epitaphs" (Elf Nachruf-Entwürfe). Gedanken unter Anderem über das Leben, die Liebe, den Tod und das Kotzen. Vielleicht nichts Ungewöhnliches für einen 22-Jährigen, doch sicher ungewöhnlich in seiner reifen Form. Wie auch seine Songs. Bei solchen - gleichsam cinematografischen - Texten ist man Brecht, Balzac oder Rimbaud am nächsten. Was für eine Kombination - Folkmusic mit Anklängen an die Großen der Literatur! Man denke: die Wandergitarre und der Stoff klassischer Legenden. Bob Dylan las sich, wie er später in "Chronicles" schrieb, zu dieser Zeit durch die New Yorker Bibliotheken.
In der Zeit großer gesellschaftlicher und weltpolitischer Umbrüche, wie sie die Sechzigerjahre mit sich brachten, wurde Bob Dylan sehr bald zum Barden der sich zunehmend politisierenden und akademisierenden jungen Generation. Was in Greenwich Village angefangen hatte, wurde nun rasch zur Hochkultur. Wer hat bei "Bob Dylan's 115th Dream" nicht einmal an Melvilles "Moby Dick" gedacht oder bei "Love Minus Zero/No Limit" an Kafka, an Verlaine bei dem Epos "Visions of Johanna" oder - neben Ginsberg, versteht sich (dieses grandios gedehnte "... and the winds began to HOWL") - an T.S. Eliot bei "All Along The Watchtower"? Anlehnungen und Zitate zuhauf. Was den großen Erfolg nur bedingt erklärt. Denn Widererkennungswerte sind im Werk Bob Dylans wohl eher unvermeidlich. Die Texte des Spätwerks - sagen wir, etwa ab "Oh Mercy" (1989) - gehören für mich zu den interessantesten. Sie haben eine innere Rhythmik, die bisweilen der eines Rainer Maria Rilke ("Der Panther / Im Jardin des Plantes") oder Robert Frost ("The Road Not Taken") in die Nähe kommt und sie zeigen aufs Deutlichste, dass Bob Dylan mehr denn je den Finger am Puls der Zeit hat, in der er lebt. Oftmals scheint hier etwas von der Wortgewalt der Propheten mitzuschwingen, wie sie vor die Könige traten, um ihnen die Leviten zu lesen.
Wie kaum ein anderer Künstler seiner Generation hat Bob Dylan einen ungebrochen starken Antrieb bewiesen. Er ist nach wie vor ein großartiger Live-Performer, geistig äußerst beweglich und als Songschreiber und Musiker gleichermaßen recht einfallsreich. Seit er seine schwere Erkrankung überstanden hat, ist Dylans Arbeit von umso größerer Warmherzigkeit und nachdenklicher Besonnenheit geprägt. Die Zeichen der Zeit sind unverkennbar. Es werden noch die schlimmsten Dinge passieren, so viel ist sicher. Dylans Texte sind jetzt auffallend stark von apokalyptischen Motiven durchzogen. Die in der Zeit seiner Herzbeutelentzündung durchschrittene Todesnähe zeitigt seiner Kreativität eine bemerkenswerte Tiefe. So gehen seine Texte zuweilen sehr weit über die seiner früheren Stücke hinaus und wirken eindringlich wie selten zuvor. Kaum je ist Bob Dylan derart deutlich geworden in seinen Worten über die tödliche Wunde, die der zermürbende Materialismus der ganzen Menschheit beigebracht hat ("Everything Is Broken").
Über die heraus ragende Bedeutung Bob Dylans als Songwriter besteht inzwischen nicht nur unter Musikfreunden weitgehende Übereinstimmung. Im Mai 2008 wurde er von der Jury der New Yorker Columbia-University mit einem Pulitzer-Sonderpreis für "lyrische Kompositionen von außerordentlicher dichterischer Kraft" geehrt. Das Komitee würdigte seinen "weitreichenden Einfluss", nicht nur auf den Pop im Besonderen, sondern auf die amerikanische Kultur im Allgemeinen. Bereits in 2006 hatte in Frankfurt am Main ein internationaler Kongress stattgefunden, der sich für Dylans Texte und seine sozialhistorische Rolle interessierte und sich damit anschickte, einem Missstand in den Literatur- und Geisteswissenschaften zu begegnen. Spätestens seit den Neunzigerjahren wird Bob Dylan mehr und mehr als ernsthafter Kandidat für den Literatur-Nobelpreis wahrgenommen. Sehr zu Recht, denn wer seine Texte aufmerksam liest, dem wird vor allem eines auffallen: Das Wissen um die Bedrohtheit des eigenen Lebens verschränkt sich bei ihm zunehmend mit seiner Wahrnehmung der Welt in ihrem epochalen Wandel. Als Beispiele aus neuerer Zeit stehen das phänomenale "'Cross The Green Mountain" aus dem "Gods and Generals"-Soundtrack mit seinen zahlreichen Bezügen zu Walt Whitmans Gedicht "Leaves of Grass" oder das - ebenso erschütternd lebensnahe - "Lonesome Day Blues", weithin ein Spiegelbild der USA in diesen Tagen. Es wird wieder einmal Zeit für ein neues Songbook, scheint mir. Und für den Nobelpreis.
Die Maske fällt, es bleibt der Mensch.