Es besteht kein Zweifel, dass "Lyras Oxford" ein novellistisches Meisterwerk ist. Der Erzählstil des Autors ist ja inzwischen bereits Legende, die sympathische Titelheldin nicht weniger. Wer Novellen liest und diese auch gründlich analysieren mag, wird an der Geschichte sicher Gefallen finden.
Trotzdem hinterlässt die Kurzgeschichte einen schalen Nachgeschmack. Zuerst einmal sei anzumerken, dass ich diese Form der "trivialen" Erzählung als Fortsetzung zu einem epischen Meisterwerk der Superlative nicht angebracht empfinde. Der Leser, gerade nach einem unbefriedigenden Ende wie nach dem "Bernsteinteleskop" erwartet mehr. Doch diese Haltung ist durchaus diskutabel.
Was hingegen nicht diskutabel ist, sind Auslassungen. Es erscheint zutiefst unglaubwürdig, dass der epische Krieg aus der Vorgeschichte so scheinbar keinerlei Veränderung im Alltagsleben verursacht, wo er doch aber eigentlich die Ordnung der Welt aus den Angeln gehoben haben sollte. Zumal Lyra ihrerseits sich sichtlich verändert hat (und doch so vertraut geblieben ist), wie das Buch auch meisterhaft zeigt. Ein gewisser, den Handlungsverlauf bestimmender Charakterzug an ihr ist jedoch gänzlich neu, unerklärt und passt nicht ins Bild. Nur dies kann gesagt werden, ohne zuviel zu verraten.
Wohlgemerkt: es gibt eine ganz zu Ende des Buches angedeutete Änderung, sogar eine mit enormen Ausmaßen. Aber diese ist so subtil, dass sie im Alltagsleben keinen Auswirkungen hat und von den meisten Lesern wohl gänzlich überlesen wird.
Auch verhalten sich Dæmonen und Menschen nicht immer zueinander passend und ein wichtiges Instrument scheint auf einmal keine Erwähnung mehr wert zu sein.
Die Begleitgimmicks des Buchs hingegen sind recht gelungen. Oberflächlich scheinen sie kaum eine Verbindung aufzuweisen. Die Postkarte beispielsweise zeigt nichts, was in irgendeinem Zusammenhang mit den Geschehnissen zu stehen scheint. Doch wie schon im Vorwort des Buchs angedeutet sollte man sich nicht von Erscheinungen hinters Licht führen lassen. Es handelt sich hier um weitaus mehr als nur einfache Fanartikel.