Wenn man sich die Rezensionen so anschaut, scheint es, dass die Leserschaft in zwei Lager gespalten ist. Offenbar liebt man Marzis Lycidas oder man hasst ihn.
Dem möchte ich eine lauwarme 3-Sterne-Rezension gegenüberstellen.
Lycidas ist ein Kessel Buntes, randvoll mit allem was zur traditionellen Schauer-Literatur so dazugehört: Werwölfen, Golems, Elfen, einem Irrlicht, ägyptischen Göttern, stimmungsvollen Schauplätzen, düsteren Herrenhäusern, Engeln, Dämonen, Bibliotheken, tragischen Familiengeschichten, Zauberei und vielen mehr. Das ganze wurde mit einer reichlichen Prise Charles Dickens abgeschmeckt und dann scheinbar ins heutige London verlegt, oder vielmehr UNTER das heutige London.
Es handelt sich um ein London in dem Engel als Straßensänger auftreten, und wo die Tauben vom Trafalgar Square als Spione dienen, ein London mit Virgin Mega Store and Marks & Spencer, das jedoch durch die Augen eines Ich-Erzählers gesehen wird, der schon durch London streifte, bevor Charles Dickens seinen Oliver Twist schrieb.
Dieser Ich-Erzähler Wittgenstein verleiht dem Roman seine höchst eigene, antiquierte Sprache. Er soll wohl als spröde, mit feinem Sinn für Humor charakterisiert werden, doch gelingt dies m.E. nur zum Teil. Zu überfrachtet ist die Sprache. Hinzu kommt, dass Marzi seinen Wittgenstein über Ereignisse berichten lässt, deren Zeuge er nicht selbst ist. So als rekonstruierte Wittgenstein die Geschehnisse. Diese quasi versetzte Perspektive schafft, genau wie die gestelzte Sprache, einen großen Abstand zwischen Leser und Beschriebenem. Die Ereignisse wirken niemals unmittelbar, sie sind stets stark gefiltert. Spannung wird nicht dadurch erzeugt, dass man glaubt dabei zu sein, sondern indem der Erzähler bewusst Informationen verenthält und von Schauplatz (Cliffhanger) zu Schauplatz springt - ohne natürlich selbst zu springen.
Die Tatsache, dass Marzi sich bei Gaiman's genialer "Neverwhere" Welt bedient, und auch bei Dickens oder Filmen wie "God's Army" macht mir eigentlich nichts aus. Schließlich leben wir in der Posmoderne und das Rekombinieren bekannter Elemente ist ja auch in der Musik beliebt und üblich. Auch gegen die Geschichte ist nicht viel einzuwenden. Der Plot ist vielleicht etwas über-konstruiert, aber doch spannend. Es ist die Sprache, gegen die ich etwas einzuwenden habe. Anstatt mich in Marzis Welt zu ziehen, schubste sie mich immer wieder heraus. Zuletzt war ich versucht, eine Strichliste zu führen um zu sehen, wie oft eine Wendung pro Kapitel auftaucht. Auch die Angewohnheit, für kurze Sätze von zwei bis fünf Worten ständig einen neuen Absatz anzufangen, hat den Lesefluss meines Erachtens gestört.
Daher nur 3 Sterne.
Noch etwas: da es in weiten Teilen darum geht, dass Kinder für die üblen Zwecke diverser Protagonisten mißbraucht werden, und da an manchen Stellen (verhüllte) hinweise auf tatsächlichen sexuellen Mißbrauch an Kindern enthalten sind, ist dieses Buch für Kinder kaum geeignet, schon gar nicht für Kinder, die etwas im Stile Harry Potter suchen. Eine minderjährige Heldin macht noch lange kein Kinderbuch.