Bei "Lushins Verteidigung" (dt. Titel) handelt es sich um eine sehr freie Verfilmung des gleichnahmigen Werkes von Vladimir Nabokov, dessen Buch zum Film kaum unterschiedlicher sein könnte. Die wesentlichsten Unterschiede zähle ich mal kurz in 3 Punkten auf:
1. Die Änderung der Handlung: natürlich wird die Geschichte für einen Film stets umgeschrieben, doch in diesem Fall sind die Änderungen derart gravierend, dass man das Buch stellenweise überhaupt nicht mehr erkennt. Um die Geschichte zusammen zu stauchen, konzentriert man sich voll auf die Liebesgeschichte zwischen Lushin und Natalia (welche im Buch keinen Namen hat und nur mit "Frau Lushin", "Die Frau" oder die "Die Braut" benannt wird). Weiterhin werden alle Hintergründe über die russische Revolution, sowie die meisten gesellschaftskritischen Spitzen und ein Großteil des letzten Drittels einfach außen vor gelassen, Walentinow hingegen, welcher im Buch nur eine (zwar wichtige) Randfigur ist, wird im Film zum großen Bösewicht befördert, der in der zweiten FIlmhälfte Lushin immer wieder quält. Zum Schluss sei noch das abgeänderte Ende zu erwähnen, dass der tragischen Figur des Schachgenies doch noch Anerkennung verleiht.
2. Die Figuren sind mitunter anders gezeichnet und entsprechen nicht den literarischen Vorbildern. Lushin zum Beispiel war ein beleibter Mann, regelmäßig erschöpft und nicht ganz so freundlich wie der liebenswert Zurückgebliebene Mensch mit der zärtlichen Seite, den wir hier zu sehen bekommen.
3. Der ärgste Unterschied liegt wohl am Filmstil. Marleen Gorris ist handwerklich eine fesselnde Erzählerin, doch Nabokov schildert die Handlung in seinem Buch oft in einer verzerrten Sichtweise, mit träumerischen Bildern und lenkt den Blick oft auf unbedeutende Details, welche dem Buch stellenweise einen surrealistischen Charakter geben. Wenn Lushin schleßlich seinen Nervenzusammenbruch erleidet, bekommt der Leser eine der stärksten Stellen des Buches serviert, da Nabokov in ausdruckstarken und realitätsverzerrten Bildern den Wahnsinn ganz genau schildert, wie das ganze auf die Leinwand gebracht wurde,ist katastrophal uninspiriert, als wäre der Regisseurin überhaupt nichts eingefallen bzw. verweigerte jede Form einer malerischen Bildsprache.
Ich gebe dennoch 5 Sterne. Es ist ja nicht so, dass bei einer möglichst objektiven Bewertung des Films die literarische Vorlage irgendetwas zählt. Der Film allein ist wichtig. Wer mit den Erwartungen einer werkgetreuen Verfilmung an den Film herangeht, ist selbst schuld.
Der Film selbst grenzt an technische Perfektion und bedient im Gegensatz zu Nabokovs schwer verdaulicher Vorlage das Massenpublikum. Die Dramaturgie ist flüssig und hält sich nicht unnötig an Szenen auf, es existieren keine Längen, die Musik ist wirklich gut gelungen und untermalt das Geschehen perfekt, die Drehorte sind wunderschön, die Kamera fängt das Geschehen stimmig ein und der Schnitt leistet sich nur an wenigen Stellen ein paar Fehler, dass macht Marleen Gorris zu einer sehr begabten Regisseurin.
Im Mittelpunkt stehen jedoch eindeutig die Schauspieler, die allesamt Glanzleistungen abgeben und Charaktere entstehen lassen, die wohl voneinander differenziert sind, vor allem John Turturro und Emily Watson ergänzen sich als ungewöhnliches Liebespaar perfekt und liefern viele emotionale Höhepunkte. Wohldosierter Humor und Tragik runden die Handlung ab.
Sicherlich ist "Lushins Verteidigung" nicht frei Schnitzern, da wäre der oben genannte Nervenzusammenbruch, der einfach unglaubhaft inszeniert wurde. Bei einigen Szenen bleibt das Verhältnis zwischen Zuschauer und Handlung doch arg distanziert, vor allem das tragische Ende, welches ich nicht veraten werde, lässt einen doch ziemlich kalt.
Es ist schade, dass der Film bisher in Deutschland nicht auf DVD erschienen ist, was wohl an den geringen Einspielergebnissen in England liegen mag. Daher sind für diese Import-DVD auch Englischkentnisse vorausgesetzt.
Trotz aller Kritik bin ich begeistert und habe lange nicht mehr ein Drama gehabt, dass so rund inszeniert und mitreissend war, dass ich es mir gleich 2 Mal hintereinander angesehen habe.