Wer sich für in Büchern festgehaltenes Luxusleben interessiert, kommt am Teneues Verlag nicht vorbei. Und sobald die Todsünde "Luxuria" Innenräume betritt, ist auch der Schweizer Fotograf Reto Guntli nicht weit. Denn er wird nicht nur von Fünfsterne Hotels damit beauftragt, ihren Glamour in schönen Bildern festzuhalten, sondern veröffentlicht seine Beiträge auch in international bedeutenden Zeitschriften für Innenarchitektur und schönes Wohnen. Zudem ist seine Sicht der Luxuswelt in 25 Bildbänden großer Verlage festgehalten. Kurz: Reto Guntli ist ein Profi, der seine Nische gefunden hat. Und doch hatte ich beim Betrachten seiner Aufnahmen manchmal das Gefühl, er hätte es sich darin allzu gemütlich gemacht und sei an Varianten nicht mehr groß interessiert. Fast scheint es so, als würden sich alle Besitzer luxuriöser Wohnungen und Häuser schon ans Aufräumen ihrer Heime machen, wenn sie den Namen Guntli nur schon hören. Einzig der Chocolatier Bruce Gilardi bestand offenbar darauf, dass Bücher nicht parallel zur Tischkante ausgerichtet sein dürfen und eine hässliche Pflanze trotz Fotoshooting ihren Platz vor der Glasvitrine behalten darf. Der Putztruppe mit ihrem Arsenal an Hochglanzreinigern musste aber auch Gilardi Einlass gewähren. Und so sind die Bilder eben genau in dem Stil, wie wir es alle erwarten und kennen. Na ja. Da ich damit gerechnet habe, kann ich mit dieser Betrachtungsweise des Wohnens leben.
Mehr Mühe bekunde ich mit den Texten. Ich verstehe zwar bestens, dass ein fünfsprachiges Konzept keine essayistischen Meisterwerke erlaubt. Aber selbst in wenigen Zeilen lassen sich Sprachbilder entwerfen, die den Leser zum Staunen bringen können. Der amerikanische Journalist Joshua M. Bernstein mag gut genug sein, um in beliebten Magazinen über Essen, Getränke, Kultur und Architektur zu schreiben, aber als gleichwertiger Sparringpartner für einen Fotografen taugt er offenbar nicht. Denn zumindest in guten Agenturen gilt die Regeln, dass ein Texter nicht erklären soll, was der Betrachter ohnehin sieht. Und wem keine Alternativen zu "sonnendurchflutet", "bezaubernd" oder "atemberaubend" einfallen, sind dann eben auch "anmutige Eichentreppen" kein Gräuel. Der Bewertungsabzug geht also voll auf das Konto des Texters.
Es gibt viele Gründe, 50 Euro zu investiert, um zu sehen, wie reiche New Yorker wohnen. Seinem Voyeurismus zu frönen, ist nicht der schlechteste. Und auch wenn der zweite Satz meiner Besprechung das suggerieren könnte, halte ich Luxus nicht a priori für eine teuflische Sünde. Dumm ist nur, wenn die Anschaffung eines solchen Bildbandes dazu dienen soll, den Neid zu rechtfertigen. Es kann ja auch einfach Spaß machen, sich an Schönem zu erfreuen, wenn man es nicht selber besitzt. Und wer lieber 80 Stunden in der Woche arbeitet als Zeit mit seinen Kindern zu verbringen, kann seiner Frau mit diesem Buch wenigstens zeigen, welche Ziele er mit seiner Schufterei verfolgt. Mir hat es einfach gefallen, in Wohnungen blicken zu dürfen, in die ich sonst nicht eingeladen werde. Und ich fand es schön, Werke von meinen Lieblingskünstlern nicht nur in Museen betrachten zu können. Denn ein Warhol gehört eher über eine Badewanne als in eine öffentlich zugängliche Kulturfestung. Und würden in mehr Kinderzimmern Bilder von Lichtenstein oder Rauschenberg hängen, hätten viele Erwachsene ein anderes Verhältnis zur darstellenden Kunst. Jedenfalls waren mir die Seiten am liebsten, auf denen ich Werke großer Meister in einem völlig neuen Umfeld sah. Und davon hat es in diesem Buch so viele, dass der Kauf von Zeitschriften für Schöner Wohnen keine Alternative ist.
Mein Fazit: Ein Bildband, der seinen Betrachtern die Möglichkeit gibt, sich in Wohnungen umzusehen, zu denen er normalerweise keinen Zutritt hat. Aber nicht nur Voyeure kommen auf ihre Rechnung, sondern auch Kunstfreunde, Einrichtungsfreaks und New York-Liebhaber. Nur wer nach erhellenden und unterhaltsamen Texten dürstet, bleibt auf dem Trockenen.