Als wäre ein Wiedersehen mit "The Wire"'s Stringer Bell, Idris Elba, nicht aufs Erste Freude genug, überzeugt das neue BBC Krimiformat "Luther" ab den ersten Szenen und auf breiter Ebene. Selten gab eine Fernsehserie dem Zuschauer derart schnellen Zugang zu Hauptperson, Umfeld und Schnittmuster, ohne bereits nach wenigen Folgen ihren Reiz einzubüßen. John Luther ist eine faszinierende Persönlichkeit. Der vom charismatischen Idris Elba gespielte Meisterdetektiv hat einen intuitivem Zugang zu der verdrehten Psyche der Mörder und einen unbeirrbaren Willen, sie der Gerechtigkeit zuzuführen. Selbst wenn dies ein Verbiegen der gesetzlichen Regeln bedeutet. Er agiert in einer in kühler Ästhetik eingefangenen, real anmutenden Welt aus Beton, Stahl, Glas und Datenbanken, immer mit dem Damoklesschwert eines drohenden Disziplinarverfahrens über seinem Haupt. Die Serie wartet mit fesselnden Verbrechen und Tätern auf, überzeugt mit guten Dialogen und begeistert mit drei überragenden weiblichen Hauptdarstellerinnen. "Luther" ist jederzeit spannend, emotional bindend und mit herausfordernden moralischen Fragestellungen gewürzt. Plus, ohne zuviel zu verraten, ich bin immer ein großer Fan davon, bei Serien einen oder mehrere tragende Figuren bereits in der ersten Staffel ins Gras beißen zu sehen.
Die These, Luther sei der neue, schwarze Fitz, teile ich nicht. Die Assoziation zu "Cracker" stellt sich zwar bereits nach wenigen Szenen der ersten Folge ein, verflüchtigt sich aber bald wieder. Beide sind brillante Geister, hoch gebildet, beide leben in dysfunktionalen Beziehungen und werden von ihren Vorgesetzen mit großer Skepsis beobachtet. Doch während Fitz polternd, provokant auftritt und sich bei jeder Gelegenheit hemmunglos selbstverliebt in Szene wirft, um seine meilenweite Überlegenheit gegenüber seinen häufig verletzten und erniedrigten Mitmenschen zu demonstrieren, ist Luther ein trauriger Getriebener, der um seine dunkle Seite weiß und bemüht ist, sie zu kontrollieren, statt sie im Stile von Fitz stolz zur Schau zu stellen.
Natürlich sind einzelne Elemente der Serie haarsträubend unglaubwürdig. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein es einzelner Polizist innerhalb weniger Wochen mit einem halben Dutzend spektakulär agierender, brillanter Psychopathen zu tun haben würde. Und die Idee des Autors, John Luther eine hyperintelligente, schöne und mit herrlich trockenem Humor gesegnete mörderische Soziopathin als Komplizin zur Seite zu stellen, also, das glaubt doch wirklich keine Sau. "Luther" ist keine makellose Serie wie "Breaking Bad" oder "The Wire". Besonders störend finde ich, dass sie sich für die Entwicklung der Täter zu wenig Zeit lässt. Dies ist dem ungeliebten Format einstündiger geschlossener Episoden geschuldet. Hier wäre etwas weniger Tempo, ein etwas geringerer Bodycount sicher hilfreich gewesen. Andere Zuschauer werden genau diese Eigenschaften schätzen....
Trotzdem, "Luther" hat eine Menge Klasse und reichlich Potential für eine Fortsetzung. Weit überdurchschnittliche 4 Punkte sind voll verdient, ich freue mich bereits auf die nächste Staffel.