Luther ist großes Historienkino, das zum einem durch ausgezeichnete Bilder und Kulissen besticht, vor allem aber mit brillanten Darstellern besetzt ist. Joseph Fiennes als Martin Luther scheint nur auf diese Rolle gewartet zu haben, denn er spielt den Reformator so hervorragend, dass man gar nicht satt wird, ihn zuzusehen. Sowohl seine Reden, ob in der Kirche vor der Gemeinde oder auf dem Hof vor dem Kaiser, sind voller Herz und Leidenschaft. Genial! Auch ist es von Regisseur Eric Till sehr mutig, und dank Fiennes sehr gelungen, Luthers Dialoge mit dem Teufel als eine Art Schizophrenie darzustellen. Wenn dieser sich auf das heftigste mit dem Teufel anschreit und dann erschöpft auf den Boden sinkt, bekommt man als Zuschauer Gänsehaut. Die Rolle von Papst Leo X. wurde mit Uwe Ochsenknecht sehr gut besetzt, genau wie Sir Peter Ustinov als Friedrich der Weise mit seiner Rolle als Förderer wie angegossen sitzt. Aber auch die kleineren Parts wurden sehr passend besetzt, wie zum Beispiel Maria Simon als Hanna oder Marco Hofschneider als Ulrich, der lieber sich denn Luther entführen lassen will.
Nun ist es sicherlich schwierig, einen dem Zuschauer größtenteils schon bekannten Stoff noch einmal zu verfilmen. Doch Till schafft es immer wieder, durch gut platzierte Pausen und passende Musik eine Spannung aufzubauen, die dem Zuschauer nicht danach fragen lässt, WAS als nächstes passiert, sondern WIE es passiert.
Dass der Film an einigen Originalorten, wie zum Beispiel auf der Wartburg, gedreht wurde, macht ihn noch realistischer, und bringt den Zuschauer noch stärker in die Zeit des Endes vom Mittelalter hinein. Und hier liegt auch der einzige Kritikpunkt. Zum einem möchte Eric Till einen gewissen Realitätsanspruch auf diesen Film erheben, was er auch eben durch die Original-Schauplätze und den chronologischen Ablauf erreicht, aber dann durch historische Unebenheiten abschwächt. So hat es, wie im Film dargestellt, keinen direkten Thesenanschlag Luthers an das Wittenberger Kirchtor gegeben, wie auch das ihm immer wieder zugeschriebene Zitat vor dem Kaiser "Hier stehe ich, ich kann nicht anders". Doch ich denke, dass diese Sachen Till bekannt waren. Durch diese Momente werden Luthers Handlungen und Zitate vielmehr symbolisiert. Auch wenn sie so nicht stattgefunden haben, haben sie dennoch einen Anspruch auf Wahrheit. Der Thesenanschlag ist in dem heutigen kulturellen Gedächtnis nun einmal verankert wie auch einige Zitate, die erst in Laufe der Jahrhunderte Luther zugeschrieben wurden. Till kürzt durch diese kurze "Verfälschung" also die Geschichte legitim ab.
Zudem hätte ich mir Luthers Weg in das Klosterleben noch ausführlicher gewünscht, wie auch die seine Zeit auf der Wartburg. Doch letztendlich würde man den Film (123 Minuten) dann ins Unendliche ausdehnen können. Und vielleicht habe ich diesen Wunsch nur, weil ich schon lange nicht mehr einen so kurzweiligen, unterhaltsamen und intelligenten Film gesehen habe!