Schon Aristoteles fand, die Bevölkerungszahl müsse begrenzt werden, damit die Bürger nicht verarmen. Man vermutet, dass schon zu seiner Zeit Verhütung und Abtreibung geduldet wurden. Historische Quellen zeigen, dass die antiken Stadtstaaten nach verlorenen Kriegen oder Seuchen das Bevölkerungswachstum gern angeregt hätten, doch die ersten bekannten bevölkerungspolitischen Maßnahmen haben damals anscheinend wenig bewirkt. Der Medizinhistoriker Robert Jütte berichtet, dass schon im Römischen Reich Oberschichtfamilien mit durchschnittlich drei Kindern deutlich weniger Kinder hatten als der Rest der Bevölkerung. Seine Recherchen über das Verhältnis des Judentums zu Empfängnisverhütung ergaben, dass dort zwar für Männer ein Fortpflanzungsgebot bestand, nicht aber für Frauen. Er berichtet ebenfalls über die Einstellung zur Verhütung in islamischen Staaten der Geschichte und der Neuzeit. Im Christentum wirkte die augustinische Sexualethik des Kirchenvaters Augustinus bis ins 20. Jahrhundert hinein, sie wurde ins kanonische Kirchenrecht aufgenommen.
Mit Zitaten aus ägyptischen Papyrii, aus den Schriften des Hippokrates und aus der antiken Dichtung verdeutlicht Jütte, dass Rezepte für Tränke und Heilkräuter damals in der Volkssprache geschrieben und allgemein zugänglich waren. Erst später wurden Teile weg gelassen, wenn der Übersetzer sie anstößig fand. Zwar zog man damals manch falsche Schlüsse aus Beobachtungen, einige der Mittel waren leider wirkungslos, doch andere Wirkstoffe aus jener Zeit werden in veränderter Aufbereitung noch heute genutzt. Seit dem 16. Jahrhundert gibt es in Europa Demographie als Wissenschaft; und seither kann planmäßige Geburtenbeschränkung in allen Bevölkerungs-Schichten durch Auswertung des Alters der Mutter bei ihren Geburten nachgewiesen werden. Der Autor zitiert aus Briefen und Protokollen von Gerichtsverfahren verschiedener europäischer Staaten, um anschaulich den damaligen Wissensstand über körperliche Prozesse aufzuzeigen. Dabei rückt er einige populäre Überlieferungen zum Thema geheimes Wissen und Hexenverfolgung zurecht.
Die These von Malthus, dass die Menschheit vom Hungertod bedroht sei, weil die Bevölkerung schneller wachse als die landwirtschaftlichen Erträge, führte schließlich im 19. Jahrhundert zur Publikation der ersten Ratgeber-Büchlein zur Empfängnisverhütung. In Deutschland und Amerika erschienen diese Ratgeber in einer Auflage von 300 000 bis 500 000 Stück; Anzeigenwerbung war verbreitet.
Die Pionierinnen der Verhütungsberatung Margaret Sanger, Mary Stopes und Helene Stöcker, sowie die Erfinder der heute bekannten chemischen und mechanischen Verhütungs-Klassiker werden von Jütte portraitiert. Zwangsterilisationen der Neuzeit und Geburtenkontrollprogramme mit politischem Hintergrund skizziert der Autor nur kurz. Das Literaturverzeichnis und die zitierten Quellen reichen bis ins Jahr 2001.
Der Autor bringt die trockene historische Thematik in ansprechendem Stil an Leser und Leserin. Eine Fundgrube an Informationen für Beraterinnen, Hebammen und medizinisch Interessierte.