Lessing, Goethe, Schiller, Heinrich Heine, Thomas Mann und viele der anderen Klassiker erzeugen bei jungen Menschen meist langgezogene Gesichter und Desinteresse. Der Stoff ist trocken, das Lesen selbst mühsam und die großen Dichter allesamt staubige, "uncoole Typen". Die meisten Lehrer haben leider nicht dazu beigetragen, die Staubschicht von deren Büsten zu blasen.
Das holt der Autor hier nach. Peter Braun, der seine Stimme dem Schauspieler Friedhelm Ptonk übertragen hat, plaudert zum Teil charmant-witzig über die "alten" Berühmtheiten. Vielleicht hätte man Schiller vergnüglich gefunden, wenn man gewusst hätte, dass Ludwig Tieck vor Lachen vom Stuhl fiel, als er "Die Glocke" las oder dass Schiller sein eigenes "Lied an die Freude" nachher peinlich war. Durchaus hätte man Eduard Mörike von einer anderen Seite betrachtet, wenn man gewusst hätte, dass er von seiner Pfarraufsicht ein "faules Luder" genannt wurde und er sich lieber krank meldete, als zum Dienst zu erscheinen.
Braun holt die Dichter von ihrem hohen Sockel herunter und nimmt ihnen den Lorbeerkranz ab. Den oftmals fast Glorifizierten haucht der Autor Leben ins blutleere Gesicht, erlöst sie von ihrer Starre, ohne jedoch ihre Leistung zu schmälern. Er macht aus "Helden" normale Menschen, zeigt, dass die meisten dem Hunger näher, als dem Ruhm waren. Viele verzweifelten in Einsamkeit oder Krankheit, manche begingen Suizid oder verfielen dem Wahnsinn, einige saßen gar im Gefängnis. E.T.A. Hoffmann war ein Trinker, Georg Trakl schwer rauschgiftsüchtig, Hans Fallada schoss im Morphiumrausch auf seine Frau, Lessing frönte dem Glücksspiel.
Und viele waren schlechte Schüler.
Gerade weil Braun von den Lastern und Spleens der "alten Stars" schreibt, weil er ihre Krankheiten und auch ihr Scheitern nicht unerwähnt lässt, bringt er sie dem Hörer näher.
Peter Braun spannt einen großen Bogen und erzählt über mehr als 200 Jahre literarisches Schaffen in Deutschland. 27 Lyriker, Schriftsteller und Dichter und eine Auswahl ihrer Werke werden von ihm auf charmante und natürliche Weise vorgestellt. Die Kurzporträts sind wunderbar in die jeweiligen politisch-gesellschaftlichen Zeitumstände eingebettet und mit geschickten Überleitungen zum Folgekapitel versehen. Von Zeit zu Zeit lockern Zitate oder Auszüge aus den einzelnen Werken - wunderbar frisch und jugendlich vorgetragen - die warme, souveräne, wohltuend modulierte, charismatisch-nasale, volltönende Stimme des Erzählers Friedhelm Ptok auf.
Und niemals wird mit Germanistenphrasen gequält.
Friedhelm Ptok vermag klar und untheatralisch das knappe, fast schlagzeilenartige Stakkato der unkomplizierten, geradlinigen Sprache Peter Brauns wiederzugeben, der in wenigen Sätzen die politischen und gegebenenfalls sozialen Hintergründe nachzeichnet, die Einfluss auf die Biografie und die Arbeit der vorgestellten Schriftsteller nahmen.
Ganz sparsam fügen sich von Zeit zu Zeit zwischen den einzelnen Kapiteln Musikstücke ein.
Fazit:
Ein wirklich gelungenes Hörbuch für Kinder ab 14 Jahren, welches sich gleichermaßen für den Deutschunterricht wie für die private auditive Lektüre eignet und ganz unaufdringlich einen wunderbaren Zugang zu den Werken der Größen der deutschen Literatur schafft.
Literatur hat viele Gesichter, und eine reizvolle, vielseitige Auswahl davon findet man in diesem Hörbuch.