Meiner Meinung nach besteht die einzige Möglichkeit, wenn man eine Vorbelastung für psychische Erkrankungen hat, sich Hilfe zu suchen, bevor es einem richtig schlecht geht, oder in stabilen Phasen zwischen zwei Krankheitsschüben, indem man sich selbst einen Therapeuten sucht, oder entsprechende Ratgeber liest.
"Ich weiß das alles, aber es hilft mir nichts." - So ging es mir bisher mit meiner Familiengeschichte. Durch gehäuftes Vorkommen psychischer Erkrankungen (und Suizide) im Familien- und Freundeskreis und dem Kampf gegen eigene depressive Verstimmungen bin ich seit Jahren am Forschen, wie man psychischen Erkrankungen vorbeugen oder sie heilen kann. Bei klinischer Behandlung wird noch immer hauptsächlich auf Psychopharmaka gesetzt, obwohl es viele Therapiemöglichkeiten gibt. Als Ursachen betrachte ich neben der Struktur des Gesundheitssystems die Weigerung und Angst der Patienten, mitzuarbeiten und unangenehme Wahrheiten ans Licht kommen zu lassen, wie ich es aktuell gerade wieder in der Familie erlebe.
Warum schützen Kinder ihre Eltern? Warum verleugnen sie, was ihnen angetan wurde, und werden dabei von Angehörigen bestätigt? Ich zitiere aus mir bekannten Fällen:
Mutter: "Ja, der Junge hat vom Vater mit dem Kehrblech Dresche bekommen. Aber daran kann es nicht liegen. Der Nachbarsjung' hat viel mehr gekriegt, sogar mit dem Stuhlbein oder dem Ochsenziemer, und der hat nix. Die waren hier doch alle so."
Sohn: "Er konnte eben nicht anders. Er hat halt auch ein schweres Leben gehabt. Na ja, und als ich mein erbrochenes Mittagsmahl aufessen sollte, habe ich es eben heimlich aus dem Fenster gespuckt." - Vati hat es ja nur gut gemeint, und darum können wir Vati nicht böse sein. Lieber soll es dem Kind selbst schlecht gehen, als dass es die Eltern traurig macht, und die Illusion, geliebt worden zu sein, Strafe verdient zu haben und sich durch eigenes Wohlverhalten Liebe verdienen zu können ist leichter zu ertragen, als die Erkenntnis, dass die Eltern einem geschadet haben.
In anderen Therapien geht es oft um Aussöhnung und Verzeihen, um sich von den Eltern zu lösen. Das setzt aber voraus, dass Eltern eingestehen, dass sie sich falsch verhalten haben, dass sie den Schmerz ihres Kindes nachempfinden können und es ihnen leid tut, wie sie es behandelt haben. Wenn sie das nicht tun, wird der Leidensdruck verstärkt. Die einzige Erklärung wäre, dass die Eltern tatsächlich böse sind, dann könnte man sie hassen und sich abgrenzen. Aber das widerspricht oft der kindlichen Empfindung. Die Eltern haben ja auch nette Seiten, haben viel für einen getan, und so schlimm war es ja eigentlich auch nicht. Vor allem bei verdecktem, emotionalem Missbrauch ist es schwer, Ursache und Wirkung zu erkennen. Also wird bagatellisiert und im Nachhinein versucht, die Realität zu ändern. Vergeblich.
Genau hier setzt Jean C. Jenson an: Sie benennt klar, was alles unter Missbrauch zu verstehen ist, und zeigt Techniken auf, die persönliche Kindheitsgeschichte und ihre Bezüge zur Gegenwart aufzudecken. Sie erläutert, dass fast jedes Kind "Missbrauch" erlebt (hat) - was viele der desolaten Zustände in der Gesellschaft in anderem Licht erscheinen lässt. Und sie verzichtet auf Schuldzuweisungen. Es ist menschlich, dass Eltern Fehler machen (auch mir fielen Situationen ein, in denen ich mich als Mutter nicht angemessen verhalten habe). Es ist nicht notwendig, zu erforschen, warum die Eltern so gehandelt haben, ob sie "böse" waren oder Opfer der Umstände, ob sie Einsicht zeigen oder nicht. Es geht einzig und allein darum, anzuerkennen, dass ein emotionaler oder körperlicher Missbrauch stattgefunden hat und das Kind darunter gelitten hat. Fehlende Schuldzuweisungen erleichtern meiner Ansicht nach das Zulassen dieser Einsichten enorm - man muss keinen "Verrat" mehr an seinen Eltern begehen.
Jean C. Jenson zeigt auf, dass wir es nicht deshalb im Leben oft schwer haben, weil wir uns nicht von alten Werten und Verhaltensweisen trennen können (z. B. Leistungszwang), sondern dass dieses Verhalten dazu dient, die Gefühle, die wir als Kind nicht haben durften, weil sie lebensbedrohlich gewesen wären (z. B. Wut gegenüber einem gewalttätigen, körperlich überlegenen Vater; Erkenntnis, dass die Mutter nicht für einen sorgen kann; Scham für scheinbares Unvermögen), zu verdrängen, obwohl diese Gefahr in unserer Erwachsenenrealität nicht mehr existiert, weil wir für uns selbst sorgen können. Dies geschieht zum einen durch Überreagieren und Kämpfen, zum anderen durch Vermeiden (Leugnen, Verdrängen, Bagatellisieren, Rationalisieren). Dabei dienen uns Menschen aus unserem Umfeld, z. B. der Partner oder der Chef, als Symbole. Wir reagieren also auf aktuelle Belastungen nicht wie Erwachsene, sondern wie das Kind von damals, in der Hoffnung, dass uns die Mitmenschen von heute stellvertretend die Anerkennung geben, die wir von unseren Eltern nicht bekommen haben. Das führt zu Frustration, Streit, Überforderung.
Es werden Methoden aufgezeigt, zu trauern, die alten Gefühle wiederzuentdecken und zu durchleben, auch wenn es schmerzlich ist, und sich dadurch von ihnen zu lösen und zu einem erwachsenen Bewusstseinszustand zu kommen. - Mir ist klar geworden, dass emotionale Zusammenbrüche, in denen ich eine beginnende Depression befürchtete, in Wirklichkeit eine Regression in kindliche Gefühlszustände war, wenn meine Abwehrmechanismen durch Überforderung nicht mehr funktionierten. Ich muss sie also nicht absichtlich herbeiführen. Ich habe erkannt, dass bisher so vieles im Leben, was ich mir vorgenommen hatte, scheiterte, weil ich es nicht aus freiem Willen tat, sondern um von meinem Dozenten, Chef, Mann (als Stellvertreter meiner Eltern) Anerkennung zu bekommen. Ich habe mich oft völlig verausgabt und trotzdem nicht den erwünschenten Erfolg gehabt. Dieses Buch hat den Blick auf mein ganzes Leben verändert, und gibt mir die Freiheit, es zukünftig mehr nach meinen eigenen Bedürfnissen zu gestalten, als nach den alten Erwartungen meiner Eltern oder deren heutigen Stellvertretern. Diese Erkenntnis lässt auch Partnerprobleme in anderem Licht erscheinen. Oft reagiert man symbolisch aufeinander, und darum lassen sich Konflikte nicht lösen.
Ein Mann, der von seinen Eltern vermittelt bekommen hat, dass nur Arbeit zählt, wird schwer verstehen, wie seiner Frau das bisschen Haushalt mit nur zwei Kindern über den Kopf wachsen kann. Und sie wird ihn auch nicht mit Argumenten überzeugen können. Wenn ihr klar wird, dass sie das gar nicht braucht, weil sie nicht darauf angewiesen ist, dass er mit ihr zufrieden ist und sie lobt, kann sie auf diesen Kampf verzichten.
Fazit: Die Arbeit der Regression ist ein langer Prozess. Da ich vieles schon vorher wusste und durchlebt habe, haben allein die aus diesem Buch gewonnenen Erkenntnisse und die Neubewertung von alten und aktuellen Konflikten meinem Leben eine positive Wende gegeben.