Seit gestern läuft die Scheibe bei mir rauf und runter. Im Gegensatz zur "Revancha del Tango" lasse ich sie sogar komplett durchlaufen. Bei der Revancha stören mich die teilweise übermäßig harten, krachigen und mitunter disharmonischen Titel. Dass genau diese Titel auf der Lunatico Überhand gewinnen würden, war meine größte Befürchtung, als ich in der Rezension gelesen habe, dass die Tangorhythmen durch elektronische Beats ersetzt worden seien.
Gestern beim Einkaufen wurde ich dann eines Besseren belehrt. Mein erster Gedanke beim Betreten des Ladens war: WOW, ausnahmsweise mal gute Musik hier. Nichtmal 10 Sekunden später kam die Erkenntnis: Gotan Project! Und WIE GENIAL! Weitere 20 Sekunden später fingen meine Beine von selbst an, sich zu bewegen, denn die Musik geht ohne Umweg direkt ins Blut.
Tatsächlich wirkt das erste Stück wie eine gelungene Mischung aus Tango, Blues und Groove. Andere Stücke klingen glücklicherweise noch sehr nach Tango und nur Nr. 6 "Mi Confesion" ist am ehesten in Richtung Rap zu deuten, bleibt dabei aber hörbar, weil die Hintergrundmusik angenehm ist. Im 7. Stück, "La Vigüela" schockiert ein Sprach-Synthesizer, den man an dieser Stelle wohl nicht erwartet hätte, aber auch darüber kann das geneigte Ohr hinweghören, denke ich. Leider wird weniger Gitarre verwendet als im ersten Album, dafür ist aber eine Menge Klavier zu hören, was mindestens genauso gut passt. Die Instrumentierung ist auf jeden Fall äußerst gelungen.
Warum also bei so viel Lob nur 4 Sterne?
Da ich 5 Sterne wirklich nur vergebe, wenn ich zu 100% vom Hocker gerissen und das Produkt für nicht steigerungsfähig befinde, kann ich hier guten Gewissens satte 4 Sterne vergeben.
Wer die schmusigeren Stücke auf der Revancha del Tango mochte, wird Lunatico lieben. Wer aber auf der Revancha eher die härteren Songs mochte, wird wohl mit der Lunatico weniger glücklich sein.