...in fair Verona, where we lay our scene..." Nein. Das ist nicht Verona, sondern London, die Stadt der Schornsteine und der uralten Metropole darunter. Christoph Marzis exzellente, viktorianische anmutende Trilogie, kommt mit "Lumen" zum Ende. Ein geheimnisvoller Nebel streicht wieder durch London. Leute, die ihn einatmen, werden zu Bestien bevor eine gnädige Dürre sie zu Staub zerfallen lässt.
Die beiden Häuser Mushroom und Manderley, die von jeher das Geschick der Stadt bestimmten, liegen in ewiger Fehde. Ausgehend von der Theorie, dass jede Grosstadt der Welt auf einem Ungeheuer erbaut ist, welches sich von niederen Gefühlen und schlechten Taten der Menschen ernährt damit der Fluss des Lebens einigermaßen funktionieren kann, muss das Ungeheuer stetig Nahrung erhalten.
Die beiden Freundinnen Aurora und Emily trennen sich, um den geheimnisumwitterten Limbus der Hölle zu finden und mit ihm Lord Lycidas oder Lucifer wie er einst genannt wurde, denn nur er weiß Rat, wie die Stadt der Schornsteine noch zu retten ist. Ein Hauch von Hitchcock umweht die Ereignisse in der surrealen Gegenwelt Londons während Emily, Wittgenstein und der undurchsichtige Tristan Marlowe in Prag, der ewigen Stadt der Alchimie, ihre eigenen Wege gehen.
Tristan Marlowe, Bibliothekar in Londons British Library, hat in "Lumen" seinen ersten Auftritt. Auch er ist ein Trickster wie Emily und wie Wittgenstein ' ein jeder auf seine sehr verschiedene Art und mit Gaben gezeichnet, die Fluch und Segen zugleich sind. Da Prag zu meinen Lieblingsstädten gehört, war ich neugierig, wie Christoph Marzi die Atmosphäre der Stadt eingefangen hat. Mit Bravour natürlich! Altstädter Ring, Moldau, Brückentürme, Ghetto und der jüdische Friedhof, all das war dazu da, um den surrealen Anstrich dieses Romans weiterzuentwickeln und die Puzzleteile zusammenzuführen.
Marzi verquickt bekannte Charaktere von bekannten Autoren, verschiebt den Blickpunkt um ein weniges, und kreiert damit eine ganz andere Geschichte als die uns wohlbekannte, was nicht selten zu einem Aha-Erlebnis führt. Das erstaunliche daran ist, das es durchaus funktioniert und die Geschichten von und um Charles Dickens, Oscar Wilde und Rabbi Löw auch diesen Hintergrund gehabt haben könnten.
Ein Spiegel mag nur ein Gesicht haben, aber eine Medaille hat definitiv zwei. Im dritten und letzten Teil geht Christoph Marzi der Frage nach: was ist real und was ist Fälschung? Was ist Lüge und was ist die Wahrheit? Der Roman ist nichts für Kinder noch für Leute, die nur quer lesen weil die Geschichte viel zu komplex und vielschichtig ist. Marzis exquisites Deutsch (das ich mir bei viel mehr Autoren so wünsche) ist poetisch, melancholisch, tragend wo's nötig ist; mit trockenem Witz, wo's möglich ist. Für meinen Geschmack war's stellenweise ein wenig zu schmalzig, dennoch verdient "Lumen" die volle Sternenzahl.