Kirmes 1959, irgendwo in Deutschland im Grünen: Knallbunt fahren die Autoscooter und die sich darin befindenden Jugendlichen über die Bahn. Lulu (Jennifer Decker) und Jimi (Ray Fearon) erblicken sich wie Romeo und Julia oder Tony und Maria: Einfach so, und ohne erkennbaren Grund wissen sie, wissen wir: Die sind füreinander gemacht. Und dürfen einander nicht lieben, denn Lulus Bruder steht in Spießerklamotten samt Spießerauto und Spießerchauffeur der Eltern schon bereit, Lulu abzuholen. Die im matten, piefigen Grün ausgeleuchtete und wohl CGI-überarbeitete Wiese mit Spießerensemble wirkt wie eine Rückprojektion, die Schnittwechsel zwischen beiden Welten wirken wie Anschlussfehler. Dabei haben die Filmarchitekten die Kirmes vermutlich wirklich genau dort hingestellt. Aber das ist egal, Regisseur Oskar Roehler setzt von Anfang an auf krasse Gegensätze, Archetypen, Ikonografie des Kitschkinos. Ein Pärchen against all odds, ein Klassikerthema des Kinos und - siehe oben - auch anderer Kunstformen. Kann man ja mal machen. Ist allerdings nicht neu. Also muss es ein i-Tüpfelchen geben. Roehler sucht es zu setzen, indem er in einem kruden Stil- und Zitatenmix der grenzenlosen Übertreibung einer grellen Farce huldigt. "So schlecht, dass es schon wieder gut ist", diese Argumentation verstehe ich in den seltensten Fällen. Roehlers Film ist über weite Strecken schlicht schlecht.
Lulu und Jimi, ein farbiger US-Amerikaner und Gelegenheitsarbeiter, müssen sich gegen die Bemühungen Lulus Eltern durchsetzen, Töchterchen mit einem schnöseligen Sohn stinkreicher Fabrikanteneltern zu verkuppeln. Dessen Besetzung mit Bastian Pastewka lässt stärker als alles andere ahnen, dass jede Nebenfigur reine Karikatur ist, in diesem Fall immerhin noch eine lustige. Roehler bleibt aber nicht konsequent bei der abgedrehten Komödie, sondern mischt sie mit Psychothriller, Romanze, Horror, Gangsterfilm. Natürlich haben Lulu und Jimi wegen Jimis Hautfarbe im Deutschland des Jahres 1959 Vorurteile und Anfeindungen zu gewärtigen. Aber irgendwann tritt ein Psychiater auf, der Lulu erklärt, dass der Embryo eines Schwarzen so schnell heranwachse, dass die Mutter oder zumindest die Gebärmutter im fünften Monat platze. Spätestens hier fassen wir uns fassungslos ob so viel geballten Schwachsinns an den Kopf und können diesen Film keine Sekunde mehr ernst nehmen. Oder sollen wir das auch gar nicht? Hans-Michael Rehberg spielt den Psychiater als pure Horrorgestalt, ein alter Mann mit Glatze, Quadratschädel, bösen Spritzen, bösen Sprüchen, durch Gegenlicht extrem tiefen Augenhöhlen, das ganze Programm eines Dr. Mabuse. Ein schwarzweißer Mann in blutroter Umgebung seiner (Folter-)Praxis; Roehler zitiert hier anscheinend die expressionistischen deutschen Horrorfilme der 1920er Jahre. Wie sein Film überhaupt ein wilder Zitatenmix ist, und gehe es auch nur um in greller Übertreibung gesteigerte Ikonographie der 50er-Jahre-Popkultur. Jedes Bild ist geradezu in das Öl von Roehlers Kunstfertigkeit gegossen und wirkt nur noch künstlich statt kunstfertig. "Lulu und Jimi" sind ständig in Bewegung, doch der Film ist steif. Zudem scheint Roehler der Macht seiner Bilder zu misstrauen und dies durch eine Extraportion Kitsch und Übertreibung zu kompensieren zu versuchen. Auffällig viele Bilder und Motive, die wir schon beim ersten Mal verstanden haben, tauchen mindestens zwei Mal auf, oder es werden Szenen in die Länge gezogen. Der rosa (!) Pudel von Lulus Mutter entlockt beim ersten Mal ein anerkennendes Schmunzeln ob Roehlers Detailverliebtheit, geht aber irgendwann nur noch auf die Nerven. Dass Lula (warum eigentlich?) eine exzellente Turnerin ist, sehen wir bei einer Performance in nimmermüden Zeitlupensprüngen, die irgendwann nichts mehr hinzuzufügen haben, aber dennoch mit jeweils noch größerer Geste präsentiert werden. Knalleffekte werden angekündigt, bleiben aber aus - dies ließe sich im Grunde für den ganzen Film sagen. Wenn sich Lulu und Jimi endlich im schmucken Cabriolet lieben, schneidet Roehler zwischen das Davor und Danach eine Totale des Ensembles. "Cadillac (?) auf Hügel vor kobaltblauem Nachthimmel". Dabei soll es doch um Menschen gehen, und um das Intimste zwischen ihnen. Selbst bei den Körpern sind Sixpack, High Heels und Nylons für die Kamera wichtiger als die darunter liegenden Gefühle.
Nur selten wirkt hier etwas stimmig - etwa wenn Lulu nach einer wahrhaft himmlischen Liebesbotschaft Jimis in ihrem weißen Nachthemd besonders hell ausgeleuchtet wird und daher unschuldig, rein, fast engelhaft wirkt. Oftmals hingegen wirkt Roehler seltsam unentschlossen und präsentiert schlicht alle Farben in höchstmöglicher Grelle, was seine Gestaltung wahllos erscheinen lässt. Dabei ist die Wahl von Roehlers Film-Vorbildern durchaus erkennbar. Vielleicht sind Lulu und Jimi schlicht Lula und Sailor aus David Lynchs "Wild at Heart", wofür auch die boshafte Karikatur einer aufgetakelten, grausamen Mutter (hier Katrin Sass) sprechen würde. Deutlicher sind jedoch die Parallelen zu Douglas Sirk. Ein Reh im ach so schönen, romantischen Wald erinnert an das berühmte Schlussbild aus "Was der Himmel erlaubt" (und wieder einmal muss Roehler einen draufsetzen und Lulu ein "ist das schön hier" seufzen lassen, als ob wir es nicht auch so merkten). Wenn Lulu im hellblauen Nachthemd morgens um drei Uhr "ins Wasser geht" in einen Teich umgeben von wildromantischen Bäumen, hat das etwas von Marianne Kochs Suizidversuch aus "Der letzte Akkord". Überdeutlich sind dann die Zitate aus "In den Wind geschrieben": Zeitenwenden werden dadurch ausgedrückt, dass wehende Herbstblätter vor einem Haus in Schneeflocken übergehen. Und nicht nur Hommage, sondern schon Klau sind die vom Wind umgeblätterten Blätter eines Tageskalenders. Wobei Roehler es nicht lassen kann, dieses Bild geschlagene drei Mal einzusetzen.
Roehler hätte sich keinen Schlechteren aussuchen können als Sirk, den ich liebe. Sirk ist (neben anderem) ein Meister des Gefühlskinos gewesen, der eine gewisse Künstlichkeit sehr bewusst eingesetzt hat und damit zum Kern seiner Geschichten vorgedrungen ist. Roehler ist das glatte Gegenteil: Wahllos statt bewusst das Künstliche einsetzend, bleibt er immer an der Oberfläche. Sirk hätte er außer vor lassen sollen. Als kalte, krude Farce, Satire, Zitatenschatz, Trash hätte "Lulu und Jimi" vielleicht funktioniert. Aber nein, Roehler will es ja, das Kino der großen, echten Gefühle. Das Echte hinter dem Künstlichen hervorlocken, das jedoch ist Sirks Metier, sicherlich nicht seins allein, aber sicherlich nicht Roehlers, jedenfalls nicht in "Lulu und Jimi". Roehler hat ein paar zumindest interessante Ideen wie z.B. komplementäre Vaterfiguren von Lulu und Jimi, von demselben Schauspieler dargestellt (Rolf Zacher). Aber oftmals fragte ich mich fassungslos, wieso ich mich für diese seltsamen Figuren eigentlich interessieren soll: Irreal böse Mutter, irreal böse Stilsünden, ein Vater, den die Mutter zur Kastration mit dem Rasiermesser genötigt hat, um mit dem Chauffeur herumzumachen (noch so eine Karikatur: Udo Kier), ein Nosferatu-Mabuse-Fu-Man-Chu-Psychiater aus einer anderen Welt. Und bei Jimi ein Vater, der mal eben die Mutter und den Liebhaber Jimis abknallt, woraufhin wie ein Deus Ex Machina Rockstar Daddy Cool als Ersatzvater auftritt, dem Mörder eine scharfe Braut zuführt und mit dem Steppke fröhlich neben den beiden Leichen tanzen kann. Die Art und Weise, wie Roehler hier herausstellt, keine kleinen Brötchen zu backen, ist unangenehm penetrant. Ein weiteres Beispiel ist dieser Monolog mit der platzenden Gebärmutter: Selbst für einen Rassisten im Deutschland des Jahres 1959 ist das so erbärmlich bekloppt, dass Roehler sein Thema eines sich gegen Vorurteile durchboxenden Pärchens komplett verschenkt. Auch ist völlig unverständlich, wie die nicht dumm wirkende Lulu das nur eine Sekunde lang glauben kann - was für dramatische und manchmal recht grausam gezeigte Abtreibungsversuche eine hohe Bedeutung im Fortgang der Erzählung hat. Nein, diese ganze Welt ist vollständig außerhalb all dessen, was auch nur ansatzweise realistisch ist. Sie ist pures Zeichen, Oberfläche, künstliche Kunst. Wir haben einen intellektuellen, ästhetischen Zugang zu ihr, aber keinen emotionalen, weil diese Welt so vollständig fremd, verschieden von unserer eigenen Welt ist. Darum können wir auch keine Gefühle für die Menschen in dieser Welt entwickeln - und sollen es doch ganz offensichtlich, wie nicht nur die Huldigungen an einen Meisterregisseur des Gefühlskinos zeigen. Daher: Setzen, sechs. Naja, gut, ab und an schmunzelt man und freut sich über die eine oder andere Idee, aus der vielleicht etwas hätte werden können. Zwei Sterne.