1979 wurde Bergs zweite Oper "Lulu" erstmals vollständig in Paris uraufgeführt. Dem Komponisten war es nicht mehr möglich, die Partitur fertigzustellen, da eine Blutvergiftung seinem Leben im Jahr 1935 ein jähes Ende setzte. Lediglich den ersten und zweiten Akt konnte Berg fertig der Nachwelt hinterlassen, der dritte Akt existierte zum Zeitpunkt seines Todes nahezu vollständig als Particell. Das bedeutet, die Musik war schon geschrieben, mit zahlreichen Hinweisen zur Instrumentation, aber eben in dieser Form noch nicht aufführbar. Helene Berg, die Witwe des Komponisten trat mit der Bitte um Fertigstellung der Partitur an Arnold Schönberg, Alban Bergs ehemaligen Lehrer, heran, der jedoch ablehnte mit der Begründung, er wolle sich nicht an der Produktion mit einer Prostituierten als Hauptperson beteiligen. Daraufhin erklärte Helene Berg, das Werk dürfe von niemand anderem komplettiert werden, und damit verschwand das umfangreiche Material für Jahrzehnte bis zum Tode Frau Bergs in irgendeiner häuslichen Schublade.
So blieb die Oper, die neben Bergs "Wozzeck" und Zimmermanns "Die Soldaten" einen der ganz großen Meilensteine in der Geschichte der Oper im 20. Jahrhundert darstellt, über vierzig Jahre hinweg ein Torso, dessen Akte 1 - 2 aufgeführt wurden, der 3. Akt mitunter von Schauspielern dargestellt angehängt wurde.
Diesem unbefriedigendem Zustand setzte der österreichische Komponist Friedrich Cerha, ein ausgezeichneter Kenner des bergschen ¼uvres, in den späten 1970er Jahren ein Ende, das Werk wurde komplettiert 1979 in Paris unter der Leitung von Pierre Boulez mit Teresa Stratas in der Titelrolle uraufgeführt. Im Anschluß an diese Produktion nahm die Deutsche Grammophon das Werk mit der Originalbesetzung im Studio auf, deren Ergebnis uns hier vorliegt.
Als großer Liebhaber der Musik Alban Bergs darf ich gleich vorwegschicken: Diese Oper gehört in den engsten Kreis meiner Lieblingswerke.
In den Bereich der dramatischen Oper anzusiedeln, gehört die "Lulu" zum ergreifendsten, das ich je gehört habe.
Achtung: Es handelt sich hier keinesfalls um eine romantische oder spätromantische Oper, wer (zu Recht) Puccini liebt und die Musik der klassischen Moderne verabscheut, sollte sich genau überlegen, ob er sich die "Lulu" antun möchte.
Die Musik ist durchweg zwölftönig organisiert, allerdings im gewohnt bergschen Stil, der Komponist scheut, im Gegensatz zu seinem Lehrer Arnold Schönberg, nicht die Verwendung dur-molltonaler Klänge, eben das macht seine Musik auch dem ungeübten Hörer durchaus zugänglich, man muß eben nur willens sein, sich darauf einzulassen.
Wem dies gelingt, dem wird gerade die vorliegende Aufnahme mit einer schier unglaublichen Teresa Stratas, die ihrem wirklich schweren Part Leben verleiht, dreieinhalb Stunden lang alles andere vergessen machen, garantiert!