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Wedekind lässt Lulu durch ihre Triebhaftigkeit und ihre zügellose Natur die Moral der gutbürgerlichen Männerwelt zerstören. Nenneswert ist m.E. auch, wie Wedekind Lulu als Phantasieprodukt der Männer darstellt, denn er gibt ihr verschiedene Namen und zeigt damit, dass jeder einzelne Verehrer Lulus einen Besitzanspruch auf sie ausübt. In meinen Augen ein auf die Epoche bezogenes interessantes Werk, in gut verständlichem Stil geschrieben.
Im ersten Teil „Der Erdgeist" wird die Geschichte des kleinen Mädchens Lulu erzählt, die ohne elterliche Fürsorge aufwächst. Zu ihrem Glück nimmt sich der Verleger Dr. Schön ihrer an und vermittelt sie in eine lukrative Ehe. Aus fatalem Anlass ist diese jedoch nicht die letzte Verbindung, die Lulu eingeht. Je steiler sie auf der gesellschaftlichen Leiter nach oben steigt, desto klarer wird, dass das überaus schöne Mädchen keineswegs das passive, zu bemitleidende Geschöpf ist, das sie zunächst zu sein scheint. Im Gegenteil: Durch ihre weiblichen Reize und ihre durchtriebene Art wird sie im besten Wortsinn zum männerverschlingenden Ungeheuer.
Dass dieser eingeschlagene Lebensweg nicht auf Dauer gelingen kann, beweist der zweite Teil des Werks, „Die Büchse der Pandora". Als Lulu ihr Spiel zu weit treibt, wird sie selbst wieder zum Spielball, zu dem passiven Wesen, das sie eigentlich nie wieder sein wollte. Sie vermag es nicht mehr zu agieren, sie muss gezwungenermaßen auf die widrigen Umstände reagieren, bis sie nach ihrer Reise über Frankreich nach England nicht einmal mehr dazu fähig ist.
Was zu Zeiten des prüden wilhelminischen Deutschlands verständlicherweise die Gemüter erregt hat - der ungenierte Umgang mit dem Thema der Homosexualität, die offene erotische Sprache und Agitation, die starke Rolle der Frau, das Spiel mit dem Thema des Sadismus und Masochismus (Unterwürfigkeit/Unterwerfen), ... -, vermag es heute nicht mehr in dem Maße.
Während es Wedekind mit seinem wohl bekanntesten Drama „Frühlings Erwachen" bravourös geschafft hat, ein klassisches, zeitloses Stück zu kreieren, scheitert er mit seiner „Lulu" daran. Auch wenn das interessante Spiel zwischen Aktivität und Passivität bei Lulu manches Mal faszinieren kann, bleibt das Drama hinter meinen persönlichen Erwartungen zurück.
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