Es passiert immer wieder, dass Bücher erscheinen, von denen man denkt, dass es sie längst geben müßte, so spannend und so groß sind ihre Themen. Aber es gibt sie nicht. Ein solches Buch ist zweifelsohne Philipp Demandts LUISENKULT, das den bis heute anhaltenden Wirbel um die Königin Luise von Preußen zum Gegenstand hat, der populärsten aller Preußenköniginnen. Die Geschichte dieser Frau weist alles auf, was es für den großen Mythos braucht: Schönheit, Dramatik, früher Tod. In Grundzügen kennt man die Geschichte, frappierend aber ist, welches Geschichts- und Frauenbild, welche Wurzeln und welche Ziele hinter diesem Mythos steckten, wie er von den Befreiungskriegen bis in das Dritte Reich benutzt wurde, um Millionen von Menschen auf das Vaterland einzuschwören. Das Buch, da kann man Günter de Bruyn nur zustimmen, ist wirklich äußerst reichhaltig. Die über 40 (allerdings meist kurzen) Kapitel beleuchten das Thema von allen Seiten: Luise als erotisches Ideal, als Märtyrerin der Nation, als Nazi-Ikone etc. Demandt arbeitet mit einer schier endlosen Fülle von Quellen und kann darum jede seiner noch so ungewöhnlichen Thesen sinnfällig und lückenlos belegen. Als großes Verdienst ist es dem Autor anzurechnen, daß seine Sprache ungewöhnlich klar ist. Das macht die Lektüre der teilweise recht komplexen Gedankengänge immer einfach. Demandt versteht es zudem, seine Darstellung immer wieder mit Anekdoten, mit Klatsch und Tratsch aus dem Hohenzollernreich zu versetzen, was den Text nicht nur lebendig macht, sondern auch der liebenswerten, widersprüchlichen und gelegentlich geradezu lächerlichen Seite des Luisenkults Rechnung trägt. Eine trockene, bierernste Darstellung des Themas wäre vollkommen verfehlt gewesen, dennoch bleibt der Autor immer nah am Gegenstand und scheint durchaus von Leidenschaft für sein Thema durchdrungen. Und einen besonderen Effekt hat das Buch zudem: Es ist sehr lehrreich. Denn das Leben und Sterben der Königin, wie der Verfasser in seinem Vorwort schreibt, fällt in die Geburtsstunde der deutschen Nation', eine Zeit, die das Bild des Staatsbürgers bis heute prägt. LUISENKULT - alles in allem ein Glücksfall.