Es ist ein interessantes Projekt, diese Trilogie von Waldtraud Lewin: die Schilderung der Geschichte eines Berliner Hauses und seiner Bewohner in drei unterschiedlichen Zeitepochen: 1890, 1935 und 1989. Am gelungensten erscheint mir dieser erste Band "Luise, Hinterhof Nord". Es ist viel Berliner Atmosphäre des ausgehenden 19. Jahrhunderts in diesem Band eingefangen. Eindrucksvoll die Beschreibung der Straßen und Plätze des Berliner Nordens, insbesondere des "Scheunenviertels", eines Viertels, das traditionell von armen Leuten, vor allem auch jüdischen, bewohnt wurde. Man stellt unwillkürlich Vergleiche mit dem heutigen Zustand dieser Gegend an. Die 16jährige Protagonistin Luise wird geschildert als ein energisches Berliner Mädchen, das nicht auf den Kopf gefallen ist, die genau weiß, was sie will: raus aus den armseligen Verhältnissen des Hinterhofes, die geprägt sind durch ihre als Waschfrau arbeitende Mutter, einer "Quartalssäuferin", den invaliden Vater und drei jüngeren Schwestern. Und sie weiß auch schon wie... Damit stellt Lewin die Verbindung her zur reichen jüdischen Familie Glücksmann aus dem Vorderhaus, der Beletage, deren Leben vom frühen Antisemitismus dieser Jahre überschattet ist. Wie Luise ihr Ziel schließlich mit viel Tatkraft und Entschlossenheit auch erreicht, erzählt Waldtraud Lewin fesselnd, sehr lebendig und mit viel Detailtreue, insbesondere durch die Schilderung von kaum noch bekannten Alltäglichkeiten aus dieser uns heute sehr fern erscheinenden Zeit. Denn wer von der heutigen jüngeren Generation weiß schon noch, was zum Beispiel "Trockenwohner" sind? Ein Buch, das vor allem geschichtsinteressierende Jugendliche (aus Berlin?) erreichen wird.