Die zugehörige Ausstellung 2010 im Schloss Paretz habe ich mir leider nicht ansehen können; umso erfreuter war ich über die Veröffentlichung eines Katalogbuches (leider immer noch eine Seltenheit bei kleineren deutschen Ausstellungen), zumal ein zuvor ausgestrahltes TV-Special über die Restauration der Kleider Lust auf Mehr machte.
Leider bin ich von diesem Buch aber ein wenig enttäuscht.
Vorab: Aufmachung, Bindung, Druck- und Papierqualität etc. sind hervorragend, daran gibt es nichts zu meckern. Alle Fotos sind hochauflösend, es gibt viele Bilder im Großformat, und es sind generell sehr viele Abbildungen enthalten. Allerdings ist es die Auswahl derselben, die mich stört. So bekommt man über weite Strecken, ja fast über ein Drittel des Buches, "nur" Gemälde und Modekupfer (eine Art frühe Werbung in Form von Kupferstichen mit Abbildungen der aktuellsten - meistens Pariser oder Wiener - Modelle) zu sehen. "Nur" in Anführungszeichen, da all das durchaus seine Berechtigung hat und von Interesse ist. Jedoch hat man als Luisenverehrer die meisten Bilder größtenteils schon irgendwo einmal gesehen, und auch die Kupfer sind zumeist relativ einfach online zu finden oder in Archiven bzw. Museen zugänglich.
Daher wirkt die Anordnung in eben dieser geballten Ladung etwas viel auf einmal und selbst ich als Modehistoriker ertappte mich ein ums ander Mal dabei, wie ich beim Seiten umblättern wieder leicht enttäuscht auf ein weiteres Gemälde oder einen Stich traf, anstatt *endlich* auf Bilder der tatsächlich erhaltenen Kleidungsstücke. Remember, die Kleider der Königin.....
Um diese dann tatsächlich endlich zu sehen, muss man sich bis in den Katalogteil "Kleider und Accessoires" vorkämpfen (immerhin auf Seite 107 von 288). Dort erwarten einen dann wieder erstmal ein paar Seiten mit Gemälden. Ich bemängele das deswegen so weil ich denke, dass die Modegeschichte als relativ junge wissenschaftliche Disziplin sich dringend weiter von der Kunstgeschichte lösen muss als sie das bisher schon getan hat. *Natürlich* sind Porträts und Gemälde eine unerlässliche Quelle und Hilfe für Modehistoriker, doch kann es irgendwo nicht angehen, in einem Katalog, der sich um reale Exemplare drehen soll, dann über 3/4 kunstgeschichtliche Abbildungen vorzufinden, von denen einige, die Modekupfer mal ausgenommen, nicht wirklich etwas mit dem Sujet zu tun haben.
Besagter Katalogteil bietet dann auch insgesamt 12 Abbildungen von realen Kleidungsstücken, 2 davon nicht aus dem Besitz Luises und eines dieser zwei auch kein Kleidungsstück im engeren Sinne, sondern eine Modepuppe. Von den verbleibenden 10 "Kleidern" Luises sind dann 3 Spencer, 1 Rock, 1 arg zerschlissenes Parurekleidchen und - tadaaa - 5 tatsächliche Kleider, darunter natürlich mit der Courschleppe das Prunkstück der Sammlung. Dazu gesellen sich 7 Hüte, 1 Paar Schuhe, 2 Paar Handschuhe, ein Geldbeutel, das Fragment eines Haarbandes und drei oder vier Tücher.
Ja, liebe Leute, aber *das* ist mir für eine Ausstellung namens "Die KLEIDER der Königin" definitiv zu wenig! Das Ganze setzt sich fort mit einem Kapitel "Frisuren und Kosmetik", einem über "Juwelen und Pretiosen", "Kostümierungen" und schließlich "Exkurs: Luises Brauteinzug". Da bekommt man allerhand zu sehen, vom Strumpfband über eine Uniform des Leibgarderegiments, Pudertöpfchen und etlichen Klunkern bis hin zu König Friedrich Wilhelms abgeschnittenem Zopf, aber an "Kleidern der Königin" wars das.
Zwar gibt es noch jede Menge Text und wissenschaftliche Aufsätze, zum Beispiel zur Nuditätenmode um 1800, zu Modekonsum und Modeschöpfung, zu Luises Nachlass oder ihren russischen Kleidern, die in sich alle stimmig und interessant sind, doch lege ich bei einem Ausstellungskatalog den Schwerpunkt zu 2/3 auf die Abbildungen.
Das ist insgesamt bei diesem Buch, trotz der hochwertigen, großen Fotos dann doch etwas enttäuschend, vor allem weil ein Teil der Bilder, z.B. das von der Courschleppe, genauso aus den Pressebildern im Internet zu laden war und im Buch weitere Einsichten, z.B. Details der Stickereien, das zugehörige Kleid von vorne etc. einfach fehlen. Ich habe grade nicht auswendig im Kopf, ob von Luises Garderobe mehr erhalten ist als das Gezeigte, aber aus fünf erhaltenen Kleidern und etlichem Zusatzmaterial eine Ausstellung zu basteln ist das Eine; daraus einen Katalog mit einem solch spezifischen Thema zu machen ist wieder etwas ganz anderes, vor allem für den doch hohen Preis von 34,90. Da müsste dann einfach mehr geboten werden, eben Detailansichten oder gar Schnitt- oder Schemazeichnungen, oder andere Stücke aus der Zeit, nicht von Luise, aber als Vergleichsmaterial. Ich bin im Nachhinein froh, nicht den weiten Weg zur Ausstellung gefahren zu sein.
Ich habe kurzzeitig überlegt, das Buch zurückzuschicken und zu einem späteren Zeitpunkt nochmals günstiger zu erwerben; da jedoch Ausstellungskataloge die Tendenz haben, zu schnell vergriffen zu sein, werde ich es der Vollständigkeit halber behalten. Immerhin kann man hier auch schnell mal Fakten über Luise nachschlagen, ohne direkt eine Luise-Biographie in die Hand nehmen zu müssen, und hat alle Gemälde von ihr mal auf einen Blick und muss sie nicht erst zusammensuchen.