(K)eine Einführung
Moderne komplexe Theorien stellen den der Theorie (noch) nicht Mächtigen vor eine Schwierigkeit. Und das liegt zunächst weniger an der Komplexität als an der Tatsache, daß aktuelle Theorien auf einen archimedischen Punkt verzichten. Systemtheorie kennt diesen exclusiven Beobachterstandort nicht; hingegen funktioniert ihre Theoriearchitektur rekursiv. Das heißt Systemtheorie bestimmt ihre Begriffe in Bezug aufeinander, anders gesagt: der Neuling steht vor einem Kreis, der sich ohne ihn dreht.
Das „Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme" verfährt nun nicht so, daß systemtheoretische Begriffe in einer nicht-systemtheoretischen Sprache - sozusagen von außen -erklärt werden, sondern hält sich nah an Luhmanns eigenen Formulierungen. Der Gefahr in einer Einführung zu Verknappen wird damit zwar aus dem Weg gegangen, jedoch wird der Einstieg in die Theorie kaum erleichtert. In diesem Sinne ist das Glossar keine Einführung, sondern eher ein Lexikon, ein „Arbeitsinstrument", wie es in der Einleitung heißt. Mit insgesamt 82 Begriffen, denen jeweils etwa 2 - 4 Seiten lange Artikel gewidmet werden, wartet das Glossar auf. Von grundlegenden Begriffen wie Kommunikation, Sinn und System/Umwelt bis zu Ausführungen über die theoretischen Grundlagen der Systemtheorie selbst - unter den Begriffen Re-entry und Konstruktivismus - fehlt kaum etwas, was in einem Arbeitsbuch benötigt wird. Und als ein Arbeitsbuch wird man das Glossar auch bald nicht mehr missen möchten. Die prägnanten Zusammenfassungen kommen zwar wie Zitate aus Luhmanns Texten daher, sind jedoch geraffter, und greifen immer auf mehrere Texte Luhmanns zurück. Bleibt in einem Text Luhmanns ein Begriff nur angedeutet, findet man im Glossar weitere Ausführungen, da immer weitere Texte Luhmanns berücksichtigt werden. Um das Buch dennoch als Einführung attraktiv zu machen schlagen die drei Autoren verschiedene Lesewege vor. Verschiedene Begriffe werden in einen Zusammenhang gestellt und in diesem Zusammenhang für den Anfänger besser verständlich. Das ist sicherlich keine schlechte Idee, macht aber aus einem Arbeitsbuch noch keine Einführung. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)