Pressestimmen
'...effektvoll gemacht und in jeder Hinsicht überzeugend. (...) David Albahari macht seinem Ruf als souveräner Vexierspieler, als Virtuose der literarischen Paradoxie auch in seinem jüngsten Werk alle Ehre.' (Günter Kaindlstorfer, ORF Ö1, 13. September 2009)
Kurzbeschreibung
Eine beglückend leichtfüßige Suada über Betrug, Verrat und die Eifersucht des Erfolglosen Die langjährige Freundschaft zweier Schriftsteller - der eine Ludwig, der andere der namenlose Ich-Erzähler - ist in die Brüche gegangen. Der Ich-Erzähler sieht sich von seinem besten Freund grausam hintergangen. Seine Idee für ein Buch der Bücher - Abend für Abend hat er sie seinem bewunderten Freund, dem Bestsellerautor, immer wieder vorgetragen, in langen Diskussion verfeinert, und dann das: Ludwig veröffentlicht das Buch unter eigenem Namen - und wird zum gefeierten Star der Epoche. In einer einzigen Litanei versucht der Ich-Erzähler, sein Unrecht und die Unverfrorenheit seines einst besten Freundes in Worte zu fassen. Immer wieder durchlebt er Szenen und Begegnungen, um dem Betrug auf die Spur zu kommen - und offenbart sich in den immer grotesker werdenden Umkreisungen und Obsessionen als der, der er wirklich ist: der eigentliche Betrüger. David Albaharis Romane mögen von Einsamkeit, Melancholie und der Unbehaustheit des Menschen handeln - und doch sind sie mal ein lakonischer, mal ein beredter, mal ein komischer Einspruch dagegen.
Über den Autor
David Albahari, geb. am 15.3 1948 in Pec, Jugoslawien, studierte englische Literatur und Sprache an der Universität von Belgrad. Er lebt seit 1994 in Calgary, Kanada und arbeitet als Schriftsteller und Übersetzter von bekannten amerikanischen, britischen und australischen Autoren. Weltweit wurden Albaharis Werke in viele verschieden Sprachen übersetzt, unter anderem ins Französische, Griechische, Polnische, Ungarische, Russische und Italienische. 2006 bekamen er und seine Übersetzer für ihr Werk den Preis Brücke Berlin verliehen.
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich Ludwig zum letzten Mal gesehen habe und frage mich, warum mir diese weit zurückliegenden Begebenheiten überhaupt in den Sinn kommen, denn sie sind völlig nutzlos, sie verursachen nur Kopfschmerzen oder Sodbrennen, und beides kann ich nicht gebrauchen. Mir genügt es zu wissen, dass Ludwig, obwohl er jünger ist, wesentlich älter aussieht als ich. Er sah eigentlich schon immer älter aus, schon damals, als wir uns in den Redaktionen verschiedener literarischer Zeitschriften in Belgrad begegneten, am häufigsten in der Redaktion von Knjiz?evna rec?, jenem stickigen Verschlag, der eher einer Rumpelkammer als einer Redaktion glich, und in dem es doppelt so viele Raucher wie Nichtraucher gab. Deshalb hielt ich mich immer im ersten Raum auf, wo die Rechnungsabteilung untergebracht war und wo Kaffee gekocht wurde, und unterhielt mich mit anderen Schriftstellern im Türrahmen stehend, was allerdings nicht viel half, weil ich, wenn ich nach Hause kam, dennoch entsetzlich nach Tabak stank. Dort, in der winzigen Redaktion begegnete ich Ludwig zum ersten Mal, nachdem wir uns lange vorher im Hof der Philosophischen Fakultät kennen gelernt hatten. Er hatte damals schon sechs, vielleicht sogar sieben Bücher veröffentlicht, ich erst zwei, die beide bei kleinen Verlagen erschienen und von der Literaturkritik fast unbemerkt geblieben waren. Das störte mich nicht: ich schrieb für mich, nicht für die anderen, das Schweigen der Kritik wertete ich als Lob, aber ebenfalls als Lob empfand ich die überraschende Erklärung, die Ludwig in dieser Rumpelkammer-Redaktion abgab, er habe meine beiden Bücher gelesen. Er muss den Unglauben in meinem Gesicht bemerkt haben, denn er erwähnte sofort zwei Schlüsselszenen, je eine aus jedem Buch, die sich, wie er betonte, ineinander wiederfänden wie plus und minus im Spiegel. Noch heute weiß ich nicht, was er damit sagen wollte, damals aber klang es mir wie das höchste Loblied auf alles, was ich in der Prosa getan oder zu tun versucht hatte, zumal diese Erklärung von Ludwig kam, einem Autor, der mit einer völlig andersartigen Prosa zu Ansehen gelangt war, nämlich mit dem schon zum Standard gewordenen psychologischen Realismus, der unendlich weit von meinen Versuchen entfernt war, die Einflüsse des französischen »neuen Romans«, des lateinamerikanischen »magischen Realismus« und der amerikanischen »Metaprosa« miteinander zu kombinieren. Schon die Tatsache, dass er, obwohl er einem völlig anderen Prosalager angehörte, Zeit für meine Bücher gefunden und sich noch dazu wesentliche Teile daraus gemerkt hatte, schon diese Tatsache also machte mich glücklich, genauer gesagt überglücklich, und ich erinnere mich, dass ich seine Hand nicht losließ, dass ich, während ich ihm dankte, sie drückte und schüttelte, bis er sie mir entzog und ohne jede Hemmung am Taschentuch abwischte. Danach lud er mich zu einem Kaffee ein, wir gingen zum Hotel »Moskva« und blieben dort bis fünf Uhr nachmittags, als er mir mit schwerer Zunge eröffnete, er habe in mir den Freund gefunden, den er seit Jahren suchte, und hoffe daher, ich würde nicht gleich sterben oder ihn verlassen. Wir verabschiedeten uns, er nahm ein Taxi und meldete sich die nächsten drei Monate nicht. Statt ihn gleich der Kategorie der seelenlosen Manipulatoren und Blutsauger zuzuordnen, sprang ich später wie ein Backfisch, sobald er einen Wunsch äußerte. Am Ende wurde ich zu einer Art Sekretär, zuständig für seinen Briefwechsel, für sein Archiv und - ich brauche jetzt keinen Hehl mehr daraus zu machen - für die Endfassung seiner Texte. Ich weiß, dass viele das nicht glauben werden, manchmal geht es sogar mir selbst so, zumal ich keine festen Beweise habe, dass alles sich so abgespielt hat, aber was hätte ich andererseits davon, es zu erfinden? Mit Ludwig zusammen zu sein, war schon Abenteuer genug; sein Sekretär und besonderer Vertrauter zu sein, weitaus mehr, aber auch weniger, wenn man bedenkt, wie man in Belgrad zu solchen Dingen steht.