Das "Ludus Danielis (Danielspiel)" ist ein Mysterienspiel aus dem 13. Jh., das die Befreiung des Propheten Daniel aus der Löwengrube thematisiert (Daniel war bereit gewesen, für seinen jüdischen Glauben in den Tod zu gehen, wurde aber von einem Engel Gottes gerettet). In der hier vorliegenden Fassung des Münchner Ensembles für frühe Musik ESTAMPIE glaubt man fast, bei dem Danielspiel müsse es sich um eine vorzeitliche Form von "Jesus Christ Superstar" gehandelt haben, aber eine, gegen die Webber&Co ganz schön alt ausschauen! Hier werden auf der (auf dem Cover sowieso schon in Disco-Beleuchtung präsentierten) Drehleiher, auf dem Ud und auf der Fidel (wohlgemerkt, das Ensemble spielt ausschließlich auf historischem Instrumentarium!) "Riffs" geboten, die zuweilen stark an irgendwelche lebenden oder auch verstorbenen Jazz- und Rock-Gitarristen erinnern ... aber solch geartete "Entstaubung" kann der frühen Musik eigentlich nur gut tun! Vergleichbares kenne ich sonst noch von den Aufnahmen des Wiener Ensemble Unicorn, deren "Cantigas de Santa Maria" und "The Black Madonna" auf derselben Linie liegen. Übrigens sollten Liebhaber "authentischer" und "seriöser" Interpretationen früher Musik beim "Ludus Danielis" eigentlich auch wenig zum Meckern finden, außer vielleicht diejenigen, welche meinen, man dürfe beim Hören mittelalterlicher bzw. geistlicher Musik keinen Spaß haben ... denn Spaß gibt es hier genug. Aber auch tieftraurige "Arien" oder "Songs". Übrigens sind einige Melodien auch auf CDs von ESTAMPIE's "alter ego" QNTAL, dann allerdings in elektronischen Fassungen, zu hören.
Warum gebe ich nicht 5 Sterne? Weil die Stimmen von Syrah und Veljanov hier viel zu "unterbeschäftigt" sind, und dagegen die Leistungen der Sänger der "großen Partien" (König und Daniel), wiewohl durchaus adäquat, etwas abfallen. Vielleicht auch, weil ich die CDs "Crusaders", "Ondas", "Fin Amor" und "Ave Maris Stelle" noch eine Spur gelungener finde. Aber auch das "Danielspiel" kann ich uneingeschränkt empfehlen!