Der "Orlando furioso" (Rasender Roland) von Ariost ist eines der großen italienischen Ritterepen in einigen hundert Stanzen. Der schiere Umfang dieses Epos und der Umstand, daß darin Bezug auf viele Ereignisse genommen wird, die nur dem damaligen Leser ohne weiteres geläufig gewesen sein dürften, macht ihn als Lektüre eigentlich eher unzugänglich. Umgekehrt ist er dafür schon 1823 in bestechender Weise aus dem (z.T. wohl recht umgangssprachlichen) italienischen Original ins (dann eben auch z.T. eher umgangssprachliche) Deutsche übersetzt worden.
Der italienische Autor und Lektor Italo Calvino hat sich seinerzeit daran begeben, das umfangreiche Werk auszugsweise dem zeitgenössischen Leser nahebringen zu wollen - ein Sakrileg in den Augen vieler Literaturmenschen.
Aber das Konzept funktioniert: nicht nur führt Calvino kundig und mit Augenzwinkern durch die z.T. recht abstrusen Handlungsversponnenheiten des Werkes und erklärt sehr nachvollziehbar, warum dieses und jenes diese und jene Wendung nimmt, er läßt dennoch dem Epos selbst in langen Auszügen genug Raum, seine eigene Sprachgewalt zu demonstrieren und zu entfalten. Man kann diesen Extrakt des Orlando furioso so weniger als "Lightversion" begreifen, vielmehr als eine gelungene Würdigung und Einführung, die sich um vieles spannender und lebendiger liest als jede akribische Übersetzung mit aberhunderten von Fußnoten. Denn dieses Epos ist ein Werk, dessen Entstehungsgeschichte und -kontext eine nicht unwesentliche Facette des Werkes selbst ist (nicht immer der Fall bei Klassikern). Ohne die Kenntnis des Umstandes, daß Ariost Diener eines Herrscherhauses war, daß seine Ahnenreihe auf zwei Figuren des Orlando furioso zurückverfolgte, bleiben z.B. manche Wendungen eher unverständlich.
Zuletzt: Die Ausgaben der Anderen Bibliothek sind ja eigentlich immer Augen- & Handfreuden. Umso unverständlicher erscheint es mir, daß dieser Band schon als zweiter (nach Bringsvaerds "Die wilden Götter") mit den m.E. äußerst mäßigen Illustrationen J. Grützkes angereichert wurde, die wie motivierte Krakeleien eines Mittelschülers wirken statt wie von kompetenter Hand angefertigte sparsame Bildornamente. Dafür muß ich leider einen Stern abziehen.