Wertbeständig
Siegfried Lenz' Erzählungen
Leise raschelt's im Blätterwald der Feuilletons, wenn ein neues Werk von Altmeister Siegfried Lenz erscheint. Kein Literaturstreit bricht aus, kein Hahnenkampf unter den Kritikern. Während die Romane des Generationsgenossen Günter Grass für Klimakatastrophen in medialen Breiten sorgen, reagieren Rezensenten angesichts der Lenzschen Prosa ohne nennenswerte Erregung.
Aus gutem Grund: Der vielfach preisgekrönte und publikumswirksame Autor vermeidet die Extreme. Wohl benennt er gesellschaftliche Widersprüche, doch verbeisst er sich nicht darin. Zwischen Elfenbeinturm und Barrikade ist er auf dem Teppich geblieben. Und so traf Herbert Heckmann, Präsident der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung, mitten ins Schwarze, als er in seiner «Deutschen Dichterflora» zur Bestimmung des Pflänzchens Lenzsiegfried notierte: «Blüten hellrot, als Geschenkbouquet angeordnet, wertbeständig. Obere Blätter bis fast zum Grund treuherzig. Aufrechter Stengel.»
Der geborene Ostpreusse und Wahlhamburger fühlt sich der realistischen Schreibweise verpflichtet. Postmoderne Extravaganzen fechten ihn nicht an. Dies beweist nun auch der Geschichtenband «Ludmilla», mit dem der Autor die Leser und sich selbst zu seinem siebzigsten Jahrestag am 17. März beschenkte. In sechs Erzählungen lenkt er das Augenmerk auf die unerhörten Begebenheiten im Alltäglichen, auf die Missgeschicke des Menschen und die Ironie des Schicksals. Minuziös und sorgfältig beschreibt er die Verhaltensweisen seiner Helden, erfasst mit liebevoller Präzision den äusseren Rahmen einer Situation.
In vornehmer Zurückhaltung überlässt er es dabei dem Leser, vom Erscheinungsbild auf die innere Befindlichkeit der Charaktere zu schliessen. Der Metaphernherrlichkeit zieht er die konkrete Darstellung vor. Der moralischen Wertung enthält er sich durch die Diskretion der Distanz. Wenn in der Titelgeschichte «Ludmilla» die Figur des Schriftstellers Boretius rechthaberisches Eifern vorsichtig in Frage stellt, entsteht der Eindruck, als trage Lenz sein eigenes Anliegen vor: «Überzeugt davon, dass unsere Einsichten nur vorläufig, unsere Kenntnisse überholbar seien, plädierte ich für den Zweifel als Grundhaltung des Lebens.» In weiser Bescheidenheit rückt er ab von polternden Zeitgeistern und unverbesserlichen Besserwissern.
Um so befremdlicher mutet deshalb die Geschichte «Ein geretteter Abend» an, die einem besonders lauten und unbelehrbaren Dickschädel ein Denkmal setzt. Diese butterweiche Satire entstand 1990 zum Lob des damals 70jährigen Jubilars Marcel Reich-Ranicki. Vielleicht aus Dankbarkeit dafür, dass der mächtige Verreisser den Erfinder Suleykens stets pfleglich behandelte, schuf Lenz den «Grossen Zackenbarsch» als Verkörperung des «juristischen Prinzips im Seeaquarium».
So lässt er in einer Volkshochschule am Stadtrand ein «zartes, eisengraues Männchen» einen Vortrag über Meeresbiologie halten. Obwohl das Publikum Unterricht in Literaturkritik erwartet, wird es nicht enttäuscht. Assoziationen an den Kulturbetrieb stellen sich ein, als der Referent scheinbar ins Allegorische abschweift und feststellt, «dass der Grosse Zackenbarsch sich durch keinen Köder verführen lasse, mithin unbestechlich sei». Der Anbiederei macht sich verdächtig, wer den Raubfisch im Zackenbarsch verleugnet.
Mit den Erzählungen «Panik» und «Der Abstecher» kehrt der Autor zwar zurück in die niedrigen Gefilde der Fehlbarkeit, doch verunglückt er trotzdem. Rund ums Dasein der Soldaten kreisen diese beiden Texte, stellen noch einmal die Schuldfrage und werfen die betagten Themen von Flüchten und Standhalten, von Befehl und Gehorsam wieder auf. Bemüht wirken die Pointen und allzu konstruiert die Handlung. Ausgereizt und ewig gestrig scheint die Geschichte vom Soldaten ganz gleich, ob sie auf den Düppeler Schanzen im Deutsch-Dänischen Krieg spielt oder vor zeitgenössischer Kulisse.
In allen übrigen Erzählungen jedoch knüpft der Autor an die bewährten Muster früherer Zeit an. Luzide Beobachtungsgabe, Einfühlsamkeit und novellistische Finesse kennzeichnen diese Texte. «Ludmilla» zum Beispiel schildert die behutsame Annäherung zwischen dem Hamburger Schriftsteller Boretius und der deutschstämmigen Russin Ludmilla Fiedler. «Ich kann nichts ertränken in sinnlicher Fülle», sagte Lenz zwar einmal. Dafür spinnt er die Fäden seiner Handlung sacht. Es gelingt ihm, eine Atmosphäre herzustellen, in der Zärtlichkeit und Heiterkeit gedeihen.
Als Ludmilla allerdings zufällig entdeckt, dass Boretius jedes Geschenk für sie ganz selbstverständlich von der Steuer absetzt, verabschiedet sie sich spontan und unwiderruflich als «die abgeschriebene Ludmilla». Das Ende dieser Liaison trifft den Leser genauso unvermittelt wie die arglosen Helden und war doch unabwendbar: Kalkül und Naivität können zueinander nicht kommen. Mit psychologischem Gespür hat es der Autor verstanden, das Gefälle zwischen den Kulturen zu erfassen unaufdringlich, doch zielsicher.
Auch in den Geschichten «Atemübung» und «Die Bewerbung» entfaltet sich die hohe Kunst des Balancierens zwischen Hoffnung und Resignation, Humor und stiller Verzweiflung, Ernst und Lächerlichkeit. Ans Ende hat Lenz zumeist das Scheitern gestellt wie bei dem promovierten Altphilologen Arno Anderson, der nach seiner achten Bewerbung für ein Lektorat einen Job als Lexikonvertreter übernimmt. «Eine Parkposition ist heute die halbe Miete», tröstet er sich kurz vor dem freien Fall.
Christiane Schott