Diese packende Live-Mitschnitt-Aufnahme im Spätherbst der einzigartigen Karriere von Edita Gruberova zählt wohl zu den absoluten "Must-Haves" der Operngeschichte, der in der Tondokument-Sammlung eines jeden Bel Canto-Fans ein Ehrenplatz gebührt. Selbst wer Gruberova in dieser fulminanten Rolle live (zB in München an der Bayerischen Staatsoper oder anlässlich der konzertanten Premiere bzw Serie an der Wiener Staatsoper 2010) erleben durfte oder vielleicht auch bereits in Besitz der gleichnamigen, schon früher erschienenen DVD der Künstlerin ist, kommt an dieser CD-Aufnahme dennoch nicht vorbei: Gruberova beeindruckt als Titelfigur in dieser Glanzpartie durch ihren subtilen Rückgriff auch auf expressionistische Stil- und Ausdrucksmittel, die nie Selbstzweck sind, sondern das reife Bild einer widersprüchlichen und innerlich zerrissenen Frau entstehen lassen, mit der der Zuhörer gebannt sämtliche inneren Gemüts- und Seelenzustände teilt. Dank Gruberovas jahrzehntelangem und reichem Erfahrungsschatz zum Zeitpunkt des Entstehens dieser Nightingale-Produktion wird der Hörer bis zuletzt den Eindruck nicht los: Edita singt nicht nur Lucrezia, sie IST "die Borgia". Die große Diva des Bel Canto scheut dabei in diesem Stadium ihrer Weltkarriere auch den (bewussten) Einsatz fahler, bisweilen fast vibratoloser Töne nicht und erzeugt damit für ihre Darstellung der gefürchteten historischen Papsttochter ein Ausmaß an realer Dramatik, das den Hörer oft erschaudern lässt. Als einer der absoluten Höhepunkte sei natürlich die emotional und gesangstechnisch herausragend gestaltete (technisch halsbrecherische) Schlusscabaletta ("Era desso il figlio mio") genannt, in der es "der Gruberova" am Abend ihrer bemerkenswert langen Sängerkarriere gelingt, das gesamte Ausmaß der Tragik dieser schicksalshaften Schlusswendung der Handlung in einer wohl für immer unerreichten Intensität unmittelbar spürbar zu machen.