Die Bewohner von Fort Weakling sind nicht zu beneiden: Der berüchtigte Revolverheld Billy the Kid hat sich hier gemütlich eingerichtet und die Bevölkerung derartig eingeschüchtert, dass alles nach seiner Pfeife tanzt -- vom Bankdirektor bis hin zum Gemischtwarenhändler, der wegen Billys Verbrauch an Himbeerdrops am Rande des geschäftlichen Ruins steht... Doch wo die Not am größten, ist Lucky Luke am nächsten: Der poor lonesome cowboy, der Mann, der schneller schießt als sein Schatten, der unbeirrbare Streiter für Recht und Ordnung, und nicht zu vergessen sein intelligenter, aber etwas exzentrischer Gaul Jolly Jumper.
Aber so einfach ist das gar nicht, die eingeschüchterten Bürger gegen Billy the Kid einzuschwören. Da muss Lucky Luke schon in die Trickkiste greifen, denn Billy ist nicht nur ungefähr so groß wie ein Schulbub, sondern er benimmt sich auch so -- im Saloon darf z.B. nur warmer Kakao ausgeschenkt werden, und im Zweifelsfalle ist er durch das Erzählen langer, langer Märchen zu besänftigen... Vor allem aber hat Billy seinen Ehrgeiz: Er will der größte und gemeinste Desperado sein; Konkurrenz duldet er nicht. Es dauert nicht lange, bis Lucky Luke diese Schwachstelle entdeckt hat und seinerseits einen noch größeren und noch gemeineren Desperado abgibt... und Billy the Kid eine heftige Identitätskrise beschert. Auch eine Art, einen Showdown vorzubereiten, und sicher nicht die langweiligste.
Das klingt recht vielversprechend, doch leider hat "Billy the Kid" einige Schwächen. Das dürfte daran liegen, dass sich dieser "Lucky Luke"-Band im Gegensatz zu den meisten anderen Bänden kaum an die historische Vorlage anlehnt -- Billy the Kid wird hier wegen seines Spitznamens als verzogener Bengel dargestellt, dem dementsprechend am Ende auch der Hosenboden versohlt wird. Diese Konstellation ermöglicht zwar durchaus einige gelungene Gags, und Lucky Luke macht sich nicht übel als entnervter Quasi-Papa, doch als alleiniger Motor für einen ganzen Comic reicht das nicht immer aus; die Handlung wird streckenweise etwas eintönig und die Gags werden teilweise absehbar, vor allem im Vergleich mit einigen der besten "Lucky Lukes".
Dass die Grundkonstellation dieses Heftes mehr Potential hat, wenn sie in eine "richtige" Handlung eingebettet wird, merkt man, sobald man "Die Eskorte" liest -- die zweite Begegnung zwischen Lucky Luke und dem naschhaften Möchtegern-Desperado Billy the Kid ist um einiges amüsanter...