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Lucios Geständnis
 
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Lucios Geständnis [Taschenbuch]

Mario de Sa-Carneiro


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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Parfum der Décadence

Zwei portugiesische Autoren der frühen Moderne

Der Länderschwerpunkt Portugal der vergangenen Frankfurter Buchmesse bescherte den deutschsprachigen Lesern erstmals einen genaueren Blick auf eine Literaturlandschaft an der Peripherie Europas, deren Bedeutung spätestens seit Fernando Pessoa und in letzter Zeit durch die beiden hoch ästimierten Romanciers José Saramago und António Lobo Antunes auch im Ausland offenbar wurde. Es ist deshalb ein löbliches Engagement, das sowohl Verlage wie Übersetzer an den Tag legen, auch ausserhalb Portugals weniger bekannte Autoren wie Mário de Sá-Carneiro und António Botto vorzustellen. Beiden war Pessoa Mentor oder sogar Freund. Mário de Sá-Carneiros Selbstmord mit sechsundzwanzig Jahren, 1916, stürzte den Meister der lyrischen Aufspaltung in viele Ichs in eine tiefe Krise. Von diesem Autor, der zu den grössten Hoffnungen Anlass gab, ist nun sein Novellen-Roman kurioserweise gleich in zwei deutschen Übersetzungen als «Lucios Geständnis» und «Lúcios Bekenntnis» erschienen.

Stilisiertes Seelendrama

Er spielt wie ein anderer portugiesischer Roman jener Zeit im Paris und im Portugal des Fin de siècle. Ist der eine, «Stadt und Gebirg», als Alterswerk des bedeutendsten portugiesischen Romanciers des 19. Jahrhunderts, Eça de Queirós, eine spöttische Abrechnung mit der dekadenten Kultur des Symbolismus und den Errungenschaften eines wissenschaftsgläubigen Jahrhunderts, so entfaltet Sá-Carneiros Roman ein stilisiertes Seelendrama voller Pathos um Eros und Thanatos vor dem wechselnden Hintergrund der im Lichterglanz erstrahlenden Künstler-Metropole Paris zur Zeit der Weltausstellung und einem düsteren Lissabon. Der Inhalt von Lúcios Konfession ist schnell umrissen: Zehn Jahre nach der Tat erzählt der Schriftsteller Lúcio Vaz in einem bekenntnishaften «Dokument» die wahren Umstände seines Verbrechens aus Leidenschaft. Die Geometrie der verhängnisvollen Geschlechterbeziehung in einem Dreiecksverhältnis wächst sich zu einem Vierecksverhältnis aus, das aber keinem der Beteiligten wirkliche Befriedigung schenkt. Die Rollen von Mann und Frau werden permanent in Frage gestellt, die Herstellung der Einheit der Geschlechter durch Homosexualität wird als einzige Lösung ersehnt. Lúcio liebt oder vielmehr: meint Marta, die Frau des Poeten Ricardo, zu lieben; als er erkennt, dass er in ihr nur seinen dichtenden Freund begehrte, hat die femme fatale Marta schon ein Verhältnis mit einem russischen Maler begonnen. Ricardo scheint dieser Betrug nicht im mindesten zu stören. Im Gegenteil. Er hat Marta auf diese Männer aufmerksam gemacht, um sie dann in der Gestalt seiner Frau besitzen zu können: «In der Stunde, da ich Marta fand – hörst Du? –, war es, als hätte meine Seele zu ihrer Geschlechtlichkeit gefunden und sich in einem Körper materialisiert. Und nur mit dem Geist habe ich dich körperlich besessen.» Ihretwegen oder vielmehr seinetwegen tötet Lúcio den Freund und steht am Ende vor der Welt als verlassener Liebhaber da.

Der Autor Mário de Sá-Carneiro war einer jener Dichter, die, kaum dass sie mit ihren ersten Werken hervorgetreten sind, auch schon wieder erlöschen; er hinterliess ein ernstes, feuriges Werk voller seelischer Inbrunst als Vermächtnis. Bei ihm wird jeder seelischen Erregung höchste Aufmerksamkeit gezollt. Schreckensweit und gleichzeitig voller Wollust hat Lúcio seine Augen aufgerissen, die den Rausch aus Farben – besonders das teuflische Rotblond verhext ihn – und lasziven Bewegungen registrieren; mit allen Sinnen saugt er die narkotisierenden Düfte und Klänge einer alle in ihren Strudel ziehenden und verschlingenden Sexualität auf.

Aus der heutigen Perspektive mutet die Lektüre des Novellen-Romans wie ein Résumé notorischer Literatur der «schwarzen Romantik» an, deren erotische Aufgeladenheit Mario Praz in seinem Standardwerk «Liebe, Tod und Teufel» untersucht hat. In ihr bilden sexuelle Ausschweifungen, Laster, Homoerotik, Androgynität, die Femme fatale, Sadismus und schliesslich Morde aus Empfindsamkeit eine Melange, deren Ingredienzen sich unschwer in Sá-Carneiros Prosa ausmachen lassen. D'Annunzios «Überweiber» haben Pate gestanden, Joris Karl Huysmans hat mit seiner synästhetisierenden Getränkeorgel aus «A rebours» den Grundakkord geliefert, Gustave Moreau für die prunkvolle Ausmalung der tanzenden Salomé gesorgt und Félicien Rops das erotische Detail gezeichnet. Stéphane Mallarmés und Paul Valérys Theorien des Tanzes als einer écriture corporelle versetzen die Handlung in einen schwindelerregenden Wirbel, an deren Ende der Tod wartet.

Männerliebe

Sá-Carneiros Ästhetik ist keine im Sinne der avantgardistischen Moderne. Zumindest für dieses Werk hat er den Ritterschlag, den ihm seine beiden Übersetzer-Exegeten geben, noch nicht verdient. Ein heutiger Leser wird vermutlich das verspätete Décadence-Seelendrama als einen Abgesang auf die verbrauchte Sprache mit ihrem unzeitgemässen Pathos und den obsolet gewordenen Topoi der symbolistischen Ästhetik lesen. Dagegen ist das Thema der Aufhebung der Geschlechteridentität, der Wunsch nach dem Ineinanderfliessen des Sexus das eigentliche Moderne dieses kleinen Romans. Es bleibt zu hoffen, dass ein Verlag den Mut besitzt, die später entstandenen Verse des Lyrikers Sá-Carneiro herauszubringen, am besten in einer zweisprachigen Übersetzung. In ihnen hat das künstlerische Temperament zu seiner eigentlichen literarischen Sprache gefunden, die Sá-Carneiros Ruf als ein Wegbereiter der Moderne in Portugal bestätigt.

Bereits erschienen sind dagegen die Gedichte von António Botto, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum hundertstenmal jährt (1897–1959). Der Elfenbein-Verlag aus Heidelberg hat sich die verdienstvolle Mühe gemacht, den einst skandalösen Zyklus «Canções – Lieder» aus den zwanziger Jahren in einer zweisprachigen Ausgabe mit einem Essay Fernando Pessoas zur Ästhetik Bottos und einem engagiert deutenden Nachwort des Übersetzers Sven Limbeck herauszubringen. Auch Botto war wie Sá-Carneiro ein Homoerotiker, doch weniger camoufliert; seine in ihrer Sprache und ihrem Aufbau eher schlichten Verse, meist schwermütige Nachtstücke, strömen noch das schwüle Parfum der Décadence aus. Der eigene und die begehrten männlichen Körper sind in kostbare Stoffe gehüllt, die nur unvollkommen die Hinfälligkeit und Verfallserscheinungen des Fleisches verbergen können. Vielleicht ist es gerade diese Gegenwelt des Kranken und Todgeweihten, die die Verse Bottos wieder aktuell erscheinen lassen. In jedem Fall ist diese Sammlung von explizit homoerotischen Gedichten ein wichtiges historisches Dokument der Homosexuellenemanzipation. Der aussergewöhnliche Mut, dessen es in den zwanziger Jahren in einem Land am Rande Europas trotz heftigsten Anfeindungen bedurfte, um solche Lyrik öffentlich zu machen, kann heute kaum noch nachvollzogen werden. Fernando Pessoa, der eine zweite, erweiterte Ausgabe in seinem Verlag Olisipo veröffentlichte, hat die ästhetische Amoralität des jungen Lyrikers mit seinem Essay, der die Sammlung erst zum Skandal machte, in die eigenen Dienste gestellt. Ihn, António Botto, brauchte er nicht mehr zu einem seiner Heteronyme zu machen.

Besonders hervorzuheben ist, dass alle drei Bücher mit äusserst kenntnisreichen und informativen Nachworten ihrer jeweiligen Übersetzer versehen wurden. Die Übertragung der Gedichte Bottos dürfte keine allzu grosse Herausforderung gewesen sein. Es wird dankenswerterweise nicht versucht, die wenigen Reime der meist freien Prosaverse krampfhaft ins Deutsche zu retten. Ohne entscheiden zu wollen, welche die gelungenere Version des Romans von Sá-Carneiro darstellt, wird anhand der Titelwiedergabe die unterschiedliche Herangehensweise der beiden Übersetzer sinnfällig. Berthold Zilly gibt den Titel wortgetreu, damit anspielungsreicher und literarischer mit «Bekenntnis» wieder; Orlando Grossegesse hat die freiere Übersetzung «Geständnis» gewählt, damit zwar den genaueren Sinn, aber nur den kriminalistischen Aspekt getroffen. Zilly belässt Carneiros Prosa die manchmal fremd wirkende Sprache der letzten Jahrhundertwende, Grossegesse hat sich aus zu respektierenden Gründen insgesamt für eine sprachlich modernisierende Fassung entschieden.

Thomas Sträter

Kurzbeschreibung

Zur Buchmesse: eine phantastische Kriminalstory aus dem Portugal der Jahrhundertwende. Der Schriftsteller und Bohemien Lucio Vaz gesteht ein Verbrechen, das er nicht beging: Marta ist erschossen worden, femme fatale, Gattin seines Freundes Ricardo und geheimnisvolle Geliebte des Erzählers. Ricardo hat es getan - doch Ricardo liegt tot am Boden und die Waffe zu Füßen Lucios. Was wurde gespielt? Rückblickend versucht sich Lucio die sinnverwirrende Erotik seiner dekadenten Künstlerjahre zu erklären und bleibt zurück als Opfer einer nervösen Phantasie. In Portugal ist dieser Kurzroman bereits ein Klassiker der Moderne, für uns eine skurrile Neuentdeckung mit dem dandyhaften Flair des Fin de Siecle.

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