"Auch läßt die eigene Erfahrung sich ansehn, als der Text;
Nachdenken und Kenntnisse als der Kommentar dazu."
(Arthur Schopenhauer,
P&P I, 415)
Der für andere bestimmte Brief bietet Gelegenheit zur persönlichen Übung. Das ist so, sagt Seneca (4 v. Chr. - 65 n. Chr.), weil wir beim Schreiben lesen, was wir schreiben, wie wir auch beim Sprechen hören, was wir sagen. (Brief 84) Die Antwort auf einen abgesandten Brief beginnt meist mit der Bestätigung über den Erhalt und dessen Wirkung. So zeigt sich die Doppelfunktion des Schreibens, einmal wirkt es auf den Verfasser, zum anderen deutlich auf den Empfänger. Senecas Briefe an Lucilius sind wie eine Anleitung eines Erfahrenen an einen Jüngeren und doch begnügt sich Seneca nicht damit. Ihm erscheint das Schreiben als eine Übung der Selbstreflexion. So schreibt er im 7. Brief über seine zweifache Arbeit, nämlich in dem er an Lucilius schreibt, sich auch gleichzeitig um sich selbst zu kümmern hat. "Auf Gegenseitigkeit geschieht das, und Menschen, in dem sie lehren, lernen." (Brief 7) Wie dieses geschieht, wird eindrucksvoll im Brief 99 deutlich. Es ist eigentlich eine Kopie eines Briefes an jemand anderen, Marullus, dessen Sohn zuvor gestorben war. Die consolatio, wie wir sie auch bei Boethius kennen, gibt dem Empfänger die Waffen der Logik, mit der er seine Trauer bekämpfen kann. Das Schreiben, was dem Empfänger helfen soll, ist gleichzeitig Vorbereitung für den Schreiber und auch für den Dritten, der es liest.
"Ich beanspruche dich als mein Eigentum, mein Werk bist du" schreibt Seneca im 34. Brief, und es mutet eigenartig an, wie er seine Worte wählt. Und doch scheint ihm ein pädagogischer Kniff zu gelingen, denn im folgenden Brief spricht er vom Lohn der vollkommenen Freundschaft, wenn eben die Ratschläge und Trostworte sich nicht auf einer Einbahnstrasse bewegen, sondern in der Wechselseitigkeit eine größere Gleichstellung der Briefpartner unterstreichen. "Dass du mir häufig schreibst, dafür danke ich dir: denn auf diese Weise - die einzig dir möglich ist - zeigst du dich mir", so Senaca im Brief 40. Schreiben als eine andere Form des Sich-sehen-lassens.
Dieses als kleine Einführung in die Briefe an Lucilius, eine Korrespondenz und ihre Wirkung. Wirkung hatte Seneca jedoch genug. Als Lehrer Neros in Rom tätig, beeinflusst von der Stoa und deren Weiterführung in Rom, genoss der weise Mann hohes Ansehen. Seine Dialoge von der Muße, dem göttlichen Leben, von der Kürze des Lebens etc sind die berühmten Ratschläge und Empfehlungen stoischer Art. Wenn Seneca in dem Bericht "Von der Unerschütterlichkeit der Weisen" schreibt, dass der Stoiker zum Herrschen geboren sei, weil er eben nicht weichlich und nachsichtig ist, dann mag man sofort widersprechen wollen. Und doch meint er nicht mehr, als dass der Unerschütterliche nichts mehr wird als frei, sich selbst auf einen Gipfel führt, der "über alle Schussweite liegt, dass er über das Schicksal erhaben ist".
Ja, wird je ein Gipfel ebenen Pfades erreicht? Nein! Und Seneca mag helfen, Gelassenheit vor den Widrigkeiten des Lebens zu lernen, wie es Epiktet und Marc Aurel in gleicher Weise lehrten.
Nehmen Sie die Briefe an Lucilius und betrachten sich als Dritten, eben als denjenigen, der die Briefe liest und dabei spürt, wie Seneca sich sehen lässt.
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