Die hilfreichsten Kundenrezensionen
|
|
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein schönes Spiel mit dem Ich, 13. Juni 2006
Im Mittelpunkt dieses neu erschienenen Briefromans steht eine Philosophiestudentin, deren Briefe an ihre Freundin Lucile von zunehmenden Zweifeln an dem, was wir unter „Realität“ verstehen, bestimmt werden. Nachdem ihr Freund zu einer Reise aufgebrochen ist, führt sie das Alleinsein in immer tiefere Fragen: über die Liebe und ihr Leiden verursachendes Wesen, über das Leben und sein prinzipielles Offensein und über die Sehnsucht nicht nur nach Menschen, sondern vor allem auch nach Antworten.
Die zunehmenden Zweifel treiben die Protagonistin immer mehr in die Einsamkeit. Der Austausch mit Freuden findet für sie nur noch an der Oberfläche statt, denn alles könnte auch anders sein. „Über alles lässt sich streiten, über alles lässt sich lachen: also über nichts!“ Das Erleben von Kontingenz ergreift auch ihr eigenes Ich. Sie fühlt sich von anderen nicht mehr gekannt, denn gekannt zu werden bedeutet, von der eigenen Existenz überzeugt zu sein, und diese Selbstgewissheit hat die Protagonistin verloren.
Schließlich erscheint auch die scheinbar Halt gebende Brieffreundin Lucile als imaginär: „obwohl ich gar nicht weiß, ob es dich wirklich gibt, dort in Paris oder irgendwo anders, außer als ein Wort.“
Nachdem auch die Existenz des Freundes, nach dem sie sich sehnt, in Frage gestellt wird, bleibt zum Schluss zwingend, die eigene Existenz anzuzweifeln: „und zuguterletzt ich selbst, die ich mir nicht einmal mehr sicher bin, ob es mich überhaupt gibt? Ist es nur ein Vorurteil, dass ich lebe, mehr nicht ...?“
Durch die konsequente Einhaltung der Dekonstruktion des Seins fragt sich der Leser am Ende des Romans, ob um elf Uhr abends wirklich eine junge Frau auf dem Bahnhof stehen und erleichtert ihren Freund in die Arme schließen wird. Wir möchten glauben, dass es so ist, um uns selbst zu erleichtern von der gelungenen Verunsicherung dessen, was wir als existent brauchen, um uns sicher genug zu sein, das Abendbrot zu machen und am nächsten Tag wieder zur Arbeit zu fahren.
Der Autor Willi van Hengel hat einen bravourösen Debütroman vorgelegt, der sich durch eine konsequente Fortführung „eines schönen Spiels mit dem Ich“ auszeichnet. Die Gedanken der Protagonistin sind sensibel beschrieben und halten den Leser bis zum Ende in Bann. Wer hinter die Fassade (s)eines scheinbar sicheren Ichs blicken möchte, dem sei dieser Roman empfohlen: Verunsicherung ist garantiert!
|
|
|
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Lucile - Wörter, die die Seele streicheln, 22. Mai 2006
Buchstaben werden zu Wörter, Wörter werden zur Sprache, Sprache, die die Seele streichelt.
Der Autor entführt uns in diesem neu erschienen Briefroman in die eigene Welt des Ichs.
Die Sprache des Autors lässt einen nicht mehr los, "trotz" oder wegen der philosophieschen Inhalte ist man gespannt auf den nächsten brief und möchte weiterlesen und weiterleben in der Gestalt der Hauptfigur.
Die Philosophiestudentin führt das Alleinsein, nachdem ihr Freund zu einer Reise nach Dubrovnik aufgebrochen ist, in immer tiefere Fragen über Liebe und Leiden, Leben und Sehnsucht und vor allem auch nach Antworten.
Die Zweifel, die Fragen und Antworten teilt sie ihrer in Paris wohnenden Freundin "Lucile" mit.
Wird sie nach all diesen Zweifeln, " die ich mir nicht einmal mehr sicher bin, ob es mich überhaupt gibt?" ihren Freund am Bahnhof wieder in die Arme schließen?
Wenn es denn ein Ende gibt, so wird es hier nicht verraten.
Für den Leser gibt es kein Ende, da er immer wieder anfängt das Buch in die Hand zu nehmen.
Das Buch hält einen gefangen, wie die Liebe einen gefangen hält:
"Nur Leidende hängen an der Liebe, wie die Wirklichkeit an ihnen".
|
|
|
5.0 von 5 Sternen
Ein schönes Spiel mit dem ich, 28. Oktober 2006
Man sucht vergeblich nach den typisch autobiographischen Elementen und
mit keiner Zeile merkt man es ihm, dem 1963 geborenen Autor Willi van
Hengel, an, dass es sein Debütroman ist, genauer gesagt: ein Roman in
Briefen.
Und es sind viele Briefe, die geschrieben werden einer lesbarer und
Neugierde weckender als der andere. Gleichwohl werden sie allesamt von nur
einer einzigen Person verfasst: einer Frau, die namenlos bleibt. Sie
studiert Philosophie in Bonn und schreibt entweder aus dem Garten ihrer
Mutter im Heimatdorf oder aber aus Bonn ihrer besten Freundin Lucile, die
in Paris lebt und Bildhauerin ist.
Der Autor Willi van Hengel nimmt also ein großes Wagnis auf sich: Er
schreibt aus der Sicht einer Frau. Wahrlich, es ist ihm gelungen. Denn man
muss schon sehr aufmerksam lesen, um der Briefeschreiberin ein männliches
Denken oder Verhalten vorhalten zu können.
Thema der Briefe ist in erster Linie die Sehnsucht der Verfasserin, die
auf ihren geliebten Freund André wartet; er ist als Assistent seines
Professors für zehn Tage auf einem Physikerkongress in Dubrovnik.
Das Alleinsein führt sie in immer tiefere Fragen: über die Liebe und ihr
Leiden verursachendes Wesen, über das Leben und sein prinzipielles Offensein
und über die Sehnsucht nicht nur nach Menschen, sondern vor allem auch nach
Antworten.
Willi van Hengel, der einst selbst Philosophie studiert hat, lässt die
Briefeschreiberin immer weniger Atem. Doch und das ist das Überraschende
an diesem Roman genau das Gegenteil empfindet der Leser, der nicht mehr
aufhören will zu lesen und das Buch nicht mehr aus der Hand legen will.
Nichts in diesem Roman ist gezeichnet von schlechten Stimmungen oder
pressiven Gemütslagen, auch nicht von philosophischen Sentenzen oder klugen
Allerweltssprüchen. Im Gegenteil. Keine (Denk-)Pose wirkt gekünstelt; selbst
die manierierte Sprechblase eines angenehmen Jünglings, der der Verfasserin
in einer Buchhandlung die Hände auf den Busen legen möchte, und es, mit
ihrem wortlosen Einverständnis, auch wirklich tut, kommt nicht störend
daher.
Um es klar zu sagen: Mir - als ein Leser unter hoffentlich vielen ist
es zu wenig an philosophischer Auseinandersetzung. Es könnte mehr sein.
Zumal der Roman auf einem solchen Hintergrund gedeiht: Vielleicht ist es
nur ein Vorurtheil, dass ich lebe, fragt Nietzsche und genau diese Frage
stellt der Roman im Ganzen dar.
Man hat zwar den Eindruck, dass die Schreiberin zusehends verwirrter wird
und sich von der Realität immer weiter entfernt. Doch in Wirklichkeit spielt
sie diese Frage bis ins Letzte durch. Jeder Moment des Lebens birgt auch
sein Gegenteil. Es erinnert an eine gelungene Dekonstruktion ganz im Sinne
des französischen Philosophen Jacques Derrida: eine Lösung ist nicht in
Sicht. Folglich endet der Roman auch in der offenen Frage, ob sie, die
Verfasserin der Briefe, überhaupt auf dem Weg zum Bahnhof ist, wo sie ihren
über alles geliebten André aus Dubrovnik (zurück) erwartet. Oder trifft er
gar nicht ein, weil sie auch ihn, wie es an einer Stelle heißt, erfunden hat.
Ich als Leser fühlte mich aufs Angenehmste gefangen im Leben dieses
Buches. Und wusste nicht genau, wo meine Realität war, wo ich bleiben
wollte. Nur Leidende hängen an der Liebe, wie die Wirklichkeit an ihnen,
liest man in einem Brief, der auf dem Flug nach Paris unterwegs ist. Der Flug hätte für mich niemals enden sollen...
|
|
|
|