Aus der Amazon.de-Redaktion
An einem sonnigen Tag im Dezember 1949 fotografierte der Bildberichterstatter Lucien Hervé die Unité d'habitation, einen monumentalen Wohnungsbau des berühmten Architekten der Moderne Le Corbusier in Marseille. Die Zeitschrift, die den Fotografen beauftragt hatte, lehnte die Aufnahmen aber mit dem Hinweis ab: Hervé hätte von Architektur nichts verstanden. Le Corbusier schrieb an Hervé: "Sie haben die Seele eines Architekten, und Sie verstehen etwas davon, Architektur zu betrachten. Werden Sie mein Fotograf."
Das von Olivier Beer, Dramatiker, Autor und Freund des Fotografen herausgegebene Katalogbuch präsentiert rund 170 Schwarz-weiß-Fotografien aus dem überwiegend architekturfotografischen Werk Lucien Hervés und schildert in einem informationsreichen wie anekdotischen Text die Stationen dessen Lebens und künstlerischen Schaffens. Der 1910 in Ungarn geborene Hervé hatte schon als Bankangestellter, Modedesigner und Textredakteur gearbeitet, bevor die Fotografie zu seiner Leidenschaft wurde. Seit Beginn der 1930er-Jahre in Paris lebend, verfasste er zusammen mit einem Bildjournalisten Reportagen für eine französische Illustrierte. Als dieser 1938 die Stadt verlässt, ist es soweit: Hervé greift selbst zur Kamera und wird fortan nicht nur die Texte, sondern auch die Bilder seiner Magazinbeiträge machen.
Seine erste Aufnahme aus dem Jahr 1938, ein Selbstporträt in seinem Pariser Hotelzimmer, zeigt einen jungen Mann, der sich mit einem skeptischen Gesichtsausdruck vor dem Spiegel ablichtet. Bereits diese Fotografie beinhaltet alle Gestaltungselemente, die auch seine zukünftigen Arbeiten charakterisieren: die Darstellung des Motivs durch sich stark voneinander abhebende Licht- und Schattenflächen, harte Kontraste und knappe Bildausschnitte. In der Tradition der konstruktivistischen Fotografie nahm Hervé in den 1940er-Jahren verschiedene Serien zu seiner Wahlheimat Paris auf, darunter eine zum Eiffelturm und eine mit Straßenaufnahmen, die in einem steilen Blickwinkel von seinem Zimmerfenster aus entstanden waren. Nach seiner beeindruckenden Fotoreihe zur Unité d'habitation wurde er der Hausfotograf Le Corbusiers und arbeitete infolge auch für weitere Architekten der Moderne wie Alvar Alto, Marcel Breuer oder Oscar Niemeyer.
Die Straßenaufnahmen, Porträts und Architekturfotografien Hervés sind sowohl von formaler Klarheit als auch poetischer Schönheit und machen dieses Buch zu einem außergewöhnlich visuellen Erlebnis. --Stefan Meyer
Kurzbeschreibung
An einem Dezembertag des Jahres 1949 schoss der Fotograf Lucien Hervé in Marseille 650 Fotos von Le Corbusiers Unité d'habitation. Diese kongenialen, von einem starken Formalismus geprägten Kompositionen beeindruckten Le Corbusier so sehr, dass er Hervé schrieb: "Monsieur, Sie haben die Seele eines Architekten ...". In den folgenden Jahren begleitete Hervé Le Corbusier als eine Art Hausfotograf bei all dessen großen Projekten mit der Kamera. Außerdem arbeitete er für Marcel Breuer, Jean Prouvé, Oscar Niemeyer, Richard Neutra und Alvar Aalto und wurde so mit seinen zumeist knappe Bildausschnitte wählenden, kontraststarken Schwarzweißaufnahmen zum Chronografen der Architektur der Moderne.
Erstmalig hat Lucien Hervé nun eine Werkausgabe seiner Arbeiten versammelt. Alle Einzelaspekte seines essentiellen Werkes werden vorgestellt: geometrisch-abstrahierende, den Geist eines Projektes unfehlbar einfangende Architekturfotografien ebenso wie Porträts von Architekten und Künstlerfreunden. Nicht zuletzt zeigt die Publikation auch, was für ein wichtiges Arbeitsgebiet, ja Laboratorium für Hervé in den fünfziger und sechziger Jahren die Straßenfotografie war - Aufnahmen, bei denen sein Formalismus stets von einer empfindsamen Poesie begleitet war.
Ausstellung: Deichtorhallen Hamburg 10.10.2002-12.1.2003