Der Reiz eines besonderen Dramas liegt darin, sich gleichzeitig überraschend und frappierend offen zu geben, aber auch vielschichtig verborgen zu schimmern, wie eine raffiniert-verführerisch gekleidete, kapriziöse Frau. Zum wiederholten Male habe ich nun das 2001 komponierte Meisterwerk von Julio Médem betrachtet, jedesmal scheinen einige der zart verhüllenden Schleier im warmen Wind Formenteras entflogen zu sein, während sich neue Tiefen der umgesetzten Gefühle erschließen.
Lorenzo (Tristán Ulloa, 32), ein sympathischer, ruhiger, freundlicher und attraktiver junger Mann mit blonden Locken, verträumten Augen und noch dazu Schriftsteller mit lyrischen Tendenzen, hütet ängstlich ein dunkles Geheimnis, welches schließlich seine Beziehung zu Lucia zermürbt und ihm selbst die Selbstachtung und den Lebensmut raubt.
Sein Leben, seine Liebe und seine Sehnsüchte bewegen sich, beginnend mit einer verwirrenden Liebesnacht an seinem 25. Geburtstag, zwischen drei faszinierenden Frauen: Elena (Najwa Nimri, 30), Mutter seiner Tochter Luna (Silvia Llanos). Belén (Elena Anaya, 27), dem Kindermädchen seiner Tochter. Und Lucia (Paz Vega, 26), der Geliebten und Gefährtin, die seiner Geschichte von Madrid nach Formentera folgt.
Bis zuletzt klammerte er sich an den verzweifelten Versuch, die tragischen Ereignisse in Madrid Elena, der Geliebten einer klaren Mondnacht am Strand von Formentera und Mutter seiner Tochter Luna, in einer Erzählung zu vermitteln. Einer Erzählung mit dem "Vorteil", in ein Loch fallen zu können, durch welches man zur Mitte der Geschichte zurückkehren könne, um sie in eine andere Richtung zu bringen.
Unglaublich, mit welcher Leichtigkeit und Kunstfertigkeit der baskische Topregisseur seine Akteure zwischen Fantasie und Realität wechseln lässt, wie die erlebte Handlung in die des entstehenden Romans und der Vostellung übergeht.
Médems Geschichte ist verwirrend verwoben, springt durch Zeit und Raum, entwurzelt durch immer neue Konstellationen. Auch der Zuschauer wird in Lorenzos Tagträume gerissen, verliert das Gleichgewicht und taumelt in scheinbaren Unwirklichkeiten, die sich schließlich doch zu klareren Linien verdichten und den Betrachter mit der Unfassbarkeit des Geschehenen konfrontieren.
Zwischen Poesie und Erotík, Liebe und Verzweiflung verliert man sich in einem Niemandsland entspannter Träumerei.
Die faszinierende Schönheit der Darsteller und die schon irreal fotografierten Szenerien von Formentera lassen - zusammen mit dem phantastischen Hintergrund der Geschichten um eine schwimmende Insel - auch die Umgebung ins Unwirkliche verschwimmen. Eine besondere Rolle in den unwerfenden Bildern der Digitalkamera von Kiko de la Rica spielt natürlich Luna, der Mond, nach welchem die Tochter Elenas und Lorenzos ihren Namen erhalten hatte. Durch die verhältnismäßig kleine Digitalkamera - Lucía und der Sex war erst der dritte Film weltweit, der so entstand - kann Médem insbesondere in den intimen Szenen eine mit traditionellen Mitteln nicht mögliche Nähe realisieren. Den düster gehaltenen Farben der "real life" - Szenen in Madrid stehen die hoffnungsvollen, von der Fantasie geprägten Bilder der Insel in gleißendem Weiß gegenüber.
Traumhaft und einfühlsam vollendet die zarte und nie banale Musik von Alberto Iglesias ein rares Meisterwerk des modernen Kinos.
Wenn es nur einen einzigen Film in meinem Leben geben dürfte, es müsste dieser sein.
Im Original 128 Minuten, Format 2,35:1 in 1080p/24p, DD
Es wäre natürlich wünschenswert, diesen Film in Originalqualität auf BD sehen zu können. Nun, im Oktober 2010 ist in den USA unter dem Titel "Sex and Lucia" eine 1080p - Version des Films erschienen, die u.a. von den US- und UK-Plattformen von Amazon angeboten wird. Diese Ausgabe enthält allerdings nur den Originalton - also spanisch - und zuschaltbare englischsprachige Untertitel. Zudem ist der Regionalcode auf Nordamerika eingestellt - man benötigt also entsprechende Software oder einen Codefree-Player.
film-jury 5* A0444 8.11.2011eg Genre: Drama | Romanze