Auf der Suche nach einem stabilen Fotorucksack mittlerer Größe mit einem guten Gurtsystem, das auch bei maximaler Füllung ein längeres Tragen während einer mehrwöchigen Fototour ermöglicht, bin ich aufgrund des erträglichen Preises (Made in China) beim Lowepro Vertex 200 AW gelandet. Meine bisherigen Fotorucksäcke von Lowepro (MiniTrekker = nur für kleinere Ausrüstung / Photo Trekker classic = größere Ausrüstung, bescheidene Tragegurte) sowie von ThinkTank (Airport Accelaration = groß und ideal fürs Handgepäck aber nur mittelmäßiges Tragesystem) schieden wg. Mängeln in Größe oder Komfort diesmal leider aus. Vorsichtshalber hatte ich mir bei Amazon neben dem Vertex 200 auch den etwas größeren Vertex 300 bestellt, da ich skeptisch war, ob der 200er die geplante Ausrüstung aufnehmen kann.
Nach kurzer Lieferzeit waren beide Rucksäcke im Haus. Der erste Eindruck war bei beiden Varianten sehr gut. Sie sind außen hochwertig und stabil verarbeitet und das Tragesystem wirkt Vertrauen erweckend gut. Der 200er erscheint optisch deutlich kompakter als der höhere 300er, allerdings bietet nur der 300er eine wasserfeste Schutzhülle, die per Reißverschluss von hinten vollständig über das Gurtsystem gezogen werden kann und bei Nichtgebrauch gefaltet im Boden verschwindet. Die normale AW-Regenschutzhülle, die bei Bedarf die Frontseite abdeckt und sonst ebenfalls in den Boden gefaltet wird, bieten dagegen beide Varianten.
Beide Rucksäcke haben gute wassergeschützte Reißverschlüsse am Hauptfach und am schmäleren Notebook-Fach, die beiden vorderen Klappfächer für Kleinteile (Filter, Karten etc.) besitzen leider nur normale Reißverschlüsse ohne Regenschutz. Unverständlich, da gerade hier der Regen zuerst auftreffen dürfte und wer wünscht sich schon feuchte Speicherkarten oder Filter in der Tasche?
Die Innenaufteilung ist Lowepro typisch: Alle Trennelemente sind hochgezogen bis an den Rand und können nach Bedarf variiert werden. Nur die mittlere Bahn ist frei für Kameras mit angesetztem Objektiv. Beim 200er können so 2 Kameras mit eher kurzen Objektiven gegeneinander gestellt werden.Der Klett-Stoff zur Aufnahme der Trennelemente befindet sich nur rechts und links an der Wand und rechts und links im Bodenbereich. Oben, unten und in der Mitte am Boden ist leider kein Klett-Stoff. Eine vollkommen freie Aufteilung der Fläche ist so nicht möglich und man muss mit den Vorgaben von Lowepro mehr oder weniger leben können. Besonders nachteilig sind mir jedoch die Trennelemente selbst aufgefallen. Die aufgenähten Klettbänder sind nicht gut verarbeitet und haben sehr scharfe, harte Kanten. Wer derartige Klettbänder kennt, weiß, wie leicht man sich hier an den Fingern verletzen kann. Darüber hinaus sind die Nähte teils unsauber und eng am Rand der Bänder, so dass ich z.B. nach einmaligem Abziehen von Trennelementen offene Nähte am Klett-Band hatte. Schwach!
Auf der Innenseite des Hauptfachs befinden sich einige sinnvolle, schmale Taschen, die mit Reißverschlüssen oder Klettelementen gesichert sind.
Sehr gut gelöst ist die äußere Stativbefestigung. Die separate stabile Stativ-Aufnahme wird mittig unten per Klettband sicher befestigt, oben und mittig befinden sich zusätzlich verstellbare Schnüre, die auch schwere Stative verwacklungsfest zwischen den äußeren Klapptaschen halten. Man sollte jedoch nicht zu lange Stativbeine haben, da die untere Aufnahme nicht abgesenkt werden kann und der Stativkopf dann oben weit übersteht. Außen, seitlich befinden sich noch jeweils weitere Möglichkeiten zur Befestigung von Zubehörtaschen oder Getränkeflaschen.
Den Tragekomfort habe ich voll beladen mit ca. 13 kg Gesamtgewicht (inkl. Stativ) versucht zu testen. Die Gurte und die Rückenpartie sind deutlich dicker gepolstert, als bei MiniTrekker oder PhotoTrekker und bieten vielfältige sinnvolle Einstellungsvarianten. Die Belüftung des Rückens ist dabei ok, aber nicht so gut, wie bei großen Wanderrucksäcken mit Netzen. Auch der enorm wichtige Beckengurt ist ordentlich gepolstert und scheint für längere Touren zu taugen. Hier ergab sich allerdings für mich ein Problem, was mich leider dazu gezwungen hat, das größere Modell zu nehmen: Bei einer Körpergröße ab ca. 185 cm ist es nicht mehr möglich den Rucksack so einzustellen, dass der Beckengurt wirklich bis zum Becken kommt. Geschuldet ist dies dem kompakten, fast quadratischen Design des Vertex 200. Er ist einfach nicht lang genug, um oben normal auf der Schulter zu sitzen und gleichzeitig unten das Becken zu erreichen. So hing der Beckengurt bei mir nur in Bauchhöhe und die dringend nötige Beckenabstützung fehlte. Ein Verlängern der Schultergurte senkt zwar den Rucksack dem Becken entgegen, aber nicht ausreichend, um bei größeren Menschen noch zu einem angenehmen Tragegefühl zu führen. Für längere Menschen ist dieser Rucksack daher in meinen Augen ein absolutes NO GO, wenn man ihn beladen auf dem Becken stützen möchte. Wer ihn nur auf der Schulter stützt, kann dies zwar tun, wird aber nicht dauerhaft Freude haben bei hohem Gewicht.
Fazit:
++ Handgepäck taugliches, kompaktes Design
++ wasserfeste Reißverschlüsse der Hauptfächer
++ sehr gut gepolstertes Tragesystem
++ sehr gute und robuste Verarbeitung außen
+ gutes Stauvolumen
+ gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
+ gutes System zur Stativbefestigung (lange Stative unvorteilhaft)
+ viele praktische Kleintaschen innen und außen
o Tragekomfort nur bis ca. 1,80cm Größe gegeben,da Beckengurt sonst zu hoch
o Grundgewicht könnte geringer sein
- Variabilität innen eingeschränkt
- kein Schutz fürs Tragesystem (Tragesystem nicht abnehmbar)
- Boden außen ohne Standfüße oder sonstigen Schutz
- Reißverschlüsse der äußeren Kleintaschen ohne Regenschutz
-- Klettbänder innen verletzungsanfällig (harte + spitze Kanten)
-- unzureichende, fehlerhafte Nähte an den Klettbändern
Der Vertex 200 ist insgesamt ein guter alltagstauglicher Rucksack für Leute < 180cm der auch beladen auf längeren Touren taugt. Größere Fotografen sollten aber unbedingt zum Vertex 300 greifen, der die wichtige Beckenabstützung bietet, auch wenn er leider dann nicht mehr ganz so kompakt und Handgepäck tauglich daher kommt.
Von mir erhält der Vertex 200 AW aufgrund seiner Verarbeitungsmängel innen und der für mich nicht sinnvoll nutzbaren Beckengurte allerdings nur 3 Sterne. Eine schmalere und dafür längere Bauform (wie beim Vertex 300) würde hier helfen.