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Von Ilma Rakusa
Eine Geschichte mit Blau beginnen. Mit dem Fitzelchen Himmelsblau, das zwischen der Synagogenkuppel und den kahlen Baumästen aufscheint und sich rasch in Grau verkehrt, mit der neonblauen Aufschrift «Whisky and Cigars», mit einer dunkelblauen Regenpelerine und dem Kleber «Gigaset 3015 Classic», ultramarin, mit den blau verzierten Fliesen in der Küche von D., mit dem Wellness-Plakat, das hohe wasserblaue Wellen schlägt, mit dem metallisch blauen «Käfer» von VW, mit der Kindermütze, matrosenblau, in der Auslage des KaDeWe, mit einem Augenpaar, mit einem Handschuhpaar. Nur weit und breit kein Meer. Das macht sich bemerkbar. Die Luft riecht nach Staub. Die Luft riecht nach Russ. Und was die Seen betrifft, die irgendwo glänzen im Wald, auch sie riechen anders, und Ersatz sind sie nicht. Nichts ersetzt das Mare nostrum, seinen grossflächigen blauen Sog. Brandung, Bewegtheit. Nichts, schon gar nicht die Spree, die sich flussklein durch die Stadt windet, an Museen vorbei. Ausflugsboote sind keine Dampfer, auch wenn sie muntere Wimpel tragen. Und mit diesen Anlegestellen ist kein Staat zu machen. Sie rädern sich selbst. Also meerlos, die Stadt. Also zugig mit ihren Strassenschneisen, Parks, Brachen. Fette Lachen spiegeln den wandelbaren Himmel. Du trittst aus dem Haus und trittst schon in eine. Das hat man vom Regen und den östlich unebenen Gehsteigen. Wolken ziehen übers Pflaster, kreisen im Pfützenteich. Das obere Blau verdunkelt sich hier um Grade.
Georg sagt, die Stadt hat ihren Wappenbären, ihre Gurkenfelder, ihre Ausländer. Ich sage, sie baut und baut und baut. Georg sagt, sie haut ganz schön auf die Pauke. Ich sage, sie blaut. Das will ihm nicht einleuchten. Das mit dem Blau, partout nicht. Bauen, na sicher, ist ja genug Platz. Aber Grisaille überall, sagt er laut, grau in grau, auch unter den Menschen. Glaubst du's nicht? Glauben schon, aber die Lettern rechts Wall Street Institute leuchten wie zum Trotz kobaltblau. Er schimpft mich kindisch. Blauäugig, gegen jede Evidenz. Wir stapfen durch die Strassen und halten Ausschau nach unserm Recht. Bei jedem Gelb bricht er in Lachen aus, ich lache mit. Das Gelb steht jenseits von Grau und Blau, dorthin reicht kein Streit. Vielleicht etwas Verzweiflung. Aus den Auslagen blicken verschiedenfarbige Osterhasen. Die flauschigen Stoffhasen sind meist backsteingelb, aber was soll's. Besser die Bagel-Bakery, die sich blauweiss annonciert, wie das Strassenschild Einbahn. Wo gehen wir denn hin? Georg will ins Café Strandbad, das so gar nicht am Wasser liegt, sondern neben einem Sportplatz, einem gigantischen grünen Fussballfeld. Irreführender Name. Wie das «Ungewohnt» und das «Ruz». Dichterspelunken. Georg sagt, der märkische Sand muss dir gefallen, wo Sand ist, war mal ein Meer. Oder nicht? Ich bejahe vehement. Es lebe der Sand, obwohl er das Fehlen des Meeres so spürbar macht.
Immer diese Verlustmeldungen. Immer diese Vermisstanzeigen. Suche Ozean mit gekräuselter blauer Oberfläche zwecks Betrachtung bzw. Union. Basta. Hier ist er nicht. Die Mädchen, die das Café frequentieren, tragen ausgeschnittene T-Shirts, schwarze Hosen, Regencoats. Fast alle. Sie diskutieren leidenschaftslos. Georg sagt, wozu sich aufregen. Bloss nicht. Ich sage, aber doch. Gehöre zur Gefühlsfraktion. Das ärgert ihn. Und als ich ihm mit der Kindheit komme, Miramar und so, wird er unsicher. Was suchst du hier eigentlich? Ich zeige auf die blaue Speisekarte. Ein Reflex. Ich sage: Preussischblau. An die Preussen hat er nicht gedacht. Das ist doch das Letzte, was dich interessieren kann. Und sowieso passé. Mein Finger rührt sich nicht. Also bleibt es dabei. Die Pruzzen, die Russen, dieser Elbe-Osten, gut sortiert. Der muss mal erforscht werden. Georg bestellt sich eine Käse-Baguette, der Primavera-Salat ist für mich. Es gibt Sehnsucht und Neugier, Neugier und Sehnsucht, sag ich. Weisst du mehr? Abwesend murmelt er: Geld. Das kurze Wort steht ihm gut. Besser, als ich gedacht hätte. Georg gehört zur Ökonomiefraktion. Sachlich ans Ziel, mit dem Verstand die richtigen Schneisen schlagen. Und die Scheine alle intakt im Schrank. Nichts auf Sand bauen. Guten Mut, gute Macht.
Im «Strandbad» will ich nicht vorpreschen. Nicht bis zur Liebe, wo jeder Farbe zu bekennen hat. Also sehe ich Georg nur an, sehr genau an, der davon unruhig wird. Was für Sehnsucht, fragt er barsch. Ich zögere. Jetzt oder nie die Preisgabe. Und nenne nicht das Gute Wahre Schöne, sondern ein Thermalbad mit abends Lover. Dazu himmelwärtige Alleen, viel Wärme und ein Fitzelchen Meer. Aha. Georg kräuselt die Stirn. Auf dem Schirm des Fernsehers im hintern Teil des Raums zittert eine Landschaft ohne Meer. Auf, sagt Georg. Ich gehorche. Zu Befehl. Der Jasminstrauch ums Eck blüht vor der Saison. Beim Einbiegen in die Gipsstrasse stellt sich keine Frage. Erst beim blauen Ladenschild «Mode Juliette» kommen wir auf Existenzielles. Und Georg verspricht, es mit dem Blau aufzunehmen.
Ilma Rakusa, Schriftstellerin, geb. 1946, lebt in Zürich. Im nächsten Herbst erscheint von ihr der Gedichtband «Love after love. Acht Abgesänge» im Suhrkamp-Verlag.
Geboren am 2.1.1946 in Rimavská Sobota (Slowakei) als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen. Kindheit in Budapest, Ljubljana und Triest.
Volksschule und Gymnasium in Zürich, 1964 Abitur. 1965-1971 Studium der Slawistik und Romanistik in Zürich, Paris und St. Petersburg.
1971 Promotion (Dissertation: Studien zum Motiv der Einsamkeit in der russischen Literatur, Herbert Lang Verlag, Bern 1973). 1971-1977 Assistentin am Slawistischen Institut der Uni- versität Zürich. Seit 1977 Lehrbeauftragte der Universität Zürich. Daneben freiberuflich als Schriftstellerin, Übersetzerin und Publizistin ("Neue Zürcher Zeitung", "Die Zeit") tätig. Lebt in Zürich.
Auszeichnungen, Stipendien
Hieronymus-Ring des Deutschen Übersetzerverbandes (1987)
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