Nach der triumphalen Rückkehr mit "Time Out Of Mind" hing wieder mal alle Welt an Dylans Lippen. Der Meister, dessen Kreativität so mancher Kritiker schon versiegt wähnte, brachte sich mit dieser Sammlung kompromisslos pessimistischer Songs wieder ins Gespräch und wurde gar durch die spartanische Produktion (die bei seinen Alben in den 80er Jahren immer scharf gerügt worden war, Zeichen der Zeit) zum Vorbild der Lo - Fi - Bewegung. Dylan mußte nach dieser Eruption erneuter Kreativität nun endgültig niemandem mehr etwas beweisen, sein nächstes Album, 2001 erschienen und "Love And Theft" (immer diese wunderbar ironischen Albumtitel) genannt, knüpft musikalisch an die beiden in den frühen 90ern entstandenen Platten "Good As I Been To You" und "World Gone Wrong" an, auf denen Dylan kein eigenes Material zu Gehör gebracht, sondern ausgesuchte Traditionals und Folksongs aufgenommen hatte, die ihm besonders am Herzen lagen.
"Love And Theft" besteht zwar ausschließlich aus neuen Dylan - Songs, der Meister läßt sich hier jedoch stets deutlich von den Vorbildern aus alter Zeit, noch lang vor der Rock'n'Roll - Bewegung, inspirieren. Pate standen natürlich größtenteils die Bluessänger der 20er und 30er Jahre, neu ist hier allerdings Dylans neue alte Liebe für die Swingmusik, die er hier auf einigen Titeln zum Ausdruck bringt. Das Album gleicht einer Zeitreise ins musikalische Amerika vor dem 2. Weltkrieg und legt Dylans Wurzeln offen, bei jedem einzelnen Song hört man dem sonst oft grießgrämigen Meister hier den Spaß an der Sache an.
Es beginnt mit "Tweedle Dee And Tweedle Dum", rumpelnder Beat, Gitarren, die wie aus dem Sumpf gezogen klingen, dazu raspelt Dylan einen seiner mit literarischen Zitaten gespickten Rätseltexte herunter. Ein guter Auftakt, aber nicht gerade ein neuer "Tombstone Blues". "Mississippi" kannte man bereits vor dem Erscheinen des Albums, Dylan hatte ihn, wohl nicht ohne Hintergedanken, Sheryl Crow zu Aufnahme überlassen. Seine eigene Version ist eine ergreifende Liebeserklärung voller Schwermut und Reue, musikalisch ganz tief im Süden angesiedelt und mit einem wunderschönen Refrain. "Summer Days" ist ein krachender Rockabilly - Song, ein Gruß an die musikalischen Vorbilder des Ur - Rock'n'Roll, mit "By And By" folgt ein erster Eindruck von Dylans Jazz - Einflüssen, er schaltet seine Krächzstimme auf zärtlich und singt Zeilen wie "You were my first love and you'll be my last", ein Song zum Engtanzen. "Lonesome Day Blues" klingt wie der Song, den Muddy Waters nie aufgenommen hätte, ein böse, traurige Klage wie in den Zeiten der Arbeit auf den Baumwollfeldern. "Floater" zitiert die Swingmusik der 30er mit einer Gitarrenlinie, die von Charlie Christian stammen könnte und einem sehr hintergründigen Text, "High Water (For Charley Patton)" ist einer der stärksten Songs des späteren Dylan, eine gewaltige Wortkaskade, die sich vielfach an Zitaten aus Blues - Klassikern (nicht umsonst ist der Song einem der größte Altmeister gewidmet) bedient und der Sänger betätigt sich als schneidend zynischer Chronist. Die Nummer hätte auch wunderbar auf "Blood On The Tracks" gepasst. "Moonlight" sieht Bob Dylan in einer sehr seltenen Rolle. Wieder beleiht er die Swingmusik und betätigt sich als Crooner, wie es ein Frank Sinatra nicht besser hinbekommen hätte, nur eben mit dem dylanschen Reibeisenbariton. Mit "Honest With Me" läßt es die Band noch einmal krachen, Dylan überschlägt sich fast mit Wortakrobatik, "Po' Boy" schildert ein Familienschicksal mit bissiger Sozialkritik, wieder standen die alten Bluesmeister Pate. Das Album schließt mit "Sugar Baby", His Bobness ist hier der Seelentröster, der aufbauende Freund und entläßt den Hörer mit einem Silberstreif am Horizont.
Wie heißt es so schön, "kleine Künstler imitieren, große Künstler kopieren." Dylan ist ein großer Künstler.
Ein fabelhaftes Album mit absolut zeitloser Musik.