Aus der Amazon.de-Redaktion
Stephen King legt mit Love nicht nur einen spannenden, auf subtile Art unheimlichen Thriller vor, sondern erzählt auch eine anrührende Liebesgeschichte. "Babylove"-Lisey und Scott: Die beiden waren ein verschworenes Paar, vergleichbar mit den legendären Bonnie und Clyde oder Sailor und Lula aus Wild at Heart. Scott ist das große Talent. Doch um nicht in den Schatten seiner Vergangenheit zu versinken, braucht er Liseys "Licht", ihre Wärme.
Neben der Liebe zwischen Scott und Lisey spielen auch die fünf Schwestern, die "Debusher-Girls", eine wichtige Rolle. Warmherzig und detailliert schildert King dieses "Schwesterding", dessen Zickigkeiten gleichzeitig von einer tiefen Verbundenheit geprägt sind.
King-Fans habe es längst bemerkt: Nicht nur die Story vom erfolgreichen Schriftsteller und der ihn stützenden Frau, auch die geschilderten Familienkonstellationen weisen deutliche Parallelen zu Stephen Kings "wirklichem" Leben auf. So hat seine Frau Tabitha nicht nur vier, sondern sogar fünf Schwestern, während er selbst mit einem Bruder unter schwierigen Familienverhältnissen aufwuchs. Auch wenn der Autor betont, dass dies kein autobiografischer Roman sei: Es mag auch an diesen Parallelen liegen, dass ihm mit Love ein ganz besonderer und unter die Haut gehender Roman gelungen ist. --Ulrike Künnecke, Literaturtest
Kurzbeschreibung
Liseys berühmter Mann ist tot – und sein Nachlass weckt albtraumhafte Erinnerungen und Ahnungen in ihr, die bald grausame Gewissheit werden ...
In Stephen Kings vielleicht dichtestem und persönlichstem Roman geht es um die Geheimsprache der Liebe und die Allgegenwart des Wahnsinns.
Lisey ist seit zwei Jahren Witwe. Bereits lange vor seinem Tod hat ihr Mann Scott Landon – ein hochangesehener Romanautor – für sie eine Spur mit Hinweisen ausgelegt, die sie nun immer tiefer in seine von Dämonen bevölkerte Vergangenheit führt. Stück für Stück werden sorgsam verdrängte Erinnerungen in ihr wach: an eine andere Welt, die sie einst mit Scott besucht hat, tagsüber ein märchenhaftes Paradies, während nachts überall das Böse lauert. Ob Scott dort auf sie wartet, damit sie ihn ins Leben zurückholt? Plötzlich tritt ein Verrückter auf den Plan, der sich Zack McCool nennt und es auf Scotts schriftstellerischen Nachlass abgesehen hat. Und um seine Forderungen zu bekräftigen, verletzt er Lisey auf bestialische Weise ...
Klappentext
"Stephen King ist zurück. Grandios vom ersten bis zum letzten Wort. Ein fesselnder Horrorthriller mit dem psychologischen Feinsinn, der King schon immer ausgezeichnet hat."
Bild am Sonntag
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
1 LISEY UND AMANDA
(Alles beim Alten)
1
Für die Öffentlichkeit sind die Ehefrauen berühmter Schriftsteller praktisch unsichtbar, und niemand wusste das besser als Lisey Landon. Ihr Mann hatte den Pulitzerpreis und den National Book Award gewonnen, aber Lisey hatte in ihrem Leben nur ein einziges Interview gegeben: für die bekannte Frauenzeitschrift, in der die Artikelserie »Ja, ich bin mit ihm verheiratet!« erscheint. Sie hatte ungefähr die Hälfte des fünfzig Zeilen langen Interviews auf die Erklärung verwendet, dass ihr Kosename sich auf »CeeCee« reimte. Der größte Teil der anderen Hälfte hatte mit ihrem Rezept für langsam gebratenes Roastbeef zu tun gehabt. Liseys Schwester Amanda sagte, das zu dem Interview gehörende Foto lasse Lisey dick aussehen.
Keine von Liseys Schwestern war über das Vergnügen erhaben, Aufregung zu provozieren (»Stunk zu machen«, wie ihr Vater sich immer ausgedrückt hatte) oder die schmutzige Wäsche anderer Leute durchzuhecheln, aber die Einzige, bei der es Lisey schwerfiel, sie zu mögen, war ebendiese Amanda. Amanda, die älteste (und sonderbarste) der ehemaligen Debusher-Girls aus Lisbon Falls, lebte gegenwärtig allein in einem Haus, das Lisey ihr zur Verfügung gestellt hatte: ein wetterfestes Häuschen nicht allzu weit vom Castle View entfernt, sodass Lisey, Darla und Cantata sie im Auge behalten konnten. Lisey hatte es ihr vor sieben Jahren gekauft, fünf bevor Scott gestorben war. Jung gestorben war. Vorzeitig abberufen worden war, wie man so schön sagte. Lisey konnte noch immer nicht recht glauben, dass er seit zwei Jahren nicht mehr da war. Es erschien ihr länger her zu sein und zugleich nur einen Wimpernschlag.
Als Lisey endlich dazu kam, sich daranzumachen, sein Büro auszuräumen – eine Flucht großer und schön beleuchteter Räume, die ursprünglich nur der Heuboden über einer Scheune gewesen waren –, war Amanda am dritten Tag aufgekreuzt, nachdem Lisey bereits mit der Bestandsaufnahme der ausländischen Ausgaben (von denen es Hunderte gab) fertig war, aber sonst noch nicht mehr hatte tun können, als eine Liste der Möbel zu erstellen, auf der Sternchen jene Stücke bezeichneten, von denen sie glaubte, sie behalten zu sollen. Sie wartete darauf, dass Amanda sie fragte, wieso sie um Himmels willen nicht schneller arbeite, aber Amanda stellte keine Fragen. Während Lisey von der Möbelfrage zu einer lustlosen (und ganztägigen) Betrachtung der in dem größten Schrank gestapelten Pappkartons mit alter Korrespondenz überging, schien Amandas gesamte Aufmerksamkeit weiter den eindrucksvollen Haufen und Stapeln von Memorabilien zu gelten, die auf ganzer Länge an der Südwand des Arbeitszimmers aufgetürmt waren. Sie tigerte vor dieser schlangenartigen Ansammlung auf und ab, sagte wenig oder nichts, schrieb aber häufig rasch etwas in ein kleines Notizbuch, das sie stets zur Hand hatte.
Lisey sagte nicht Was suchst du? oder Was notierst du dir da? Wie Scott mehr als einmal festgestellt hatte, besaß Lisey etwas, was bestimmt zu den seltensten menschlichen Gaben gehörte: Obwohl sie jemand war, der sich um den eigenen Kram kümmerte, störte es sie nicht, wenn man sich um anderer Leute Kram kümmerte. Das heißt, solange man keine Sprengsätze herstellte, um jemanden damit zu bewerfen, und in Amandas Fall waren Sprengsätze immer im Bereich des Möglichen. Sie war die Art Frau, die herumschnüffeln musste, die Art Frau, die früher oder später den Mund aufmachen würde.
Ihr Ehemann war 1985 von Rumford aus, wo sie gelebt hatten (»wie zwei in einem Abwasserrohr festsitzende Vielfraße«, hatte Scott nach einem Nachmittagsbesuch gesagt, den er nie zu wiederholen geschworen hatte), nach Süden abgehauen. Ihr einziges Kind, eine Tochter namens Intermezzo, kurz Metzie gerufen, war 1989 (mit einem Fernfahrer als Liebhaber) nach Kanada gegangen. »Eine flog nach Norden, eine nach Süden übers Land, eine konnt’ nicht halten ihren Lästerrand.« Das war in ihrer Kindheit ein Holperreim ihres Vaters gewesen, und diejenige von Dandy Dave Debushers Mädchen, die niemals ihren Lästerrand halten konnte, war bestimmt Manda, die erst von ihrem Mann sitzen gelassen und dann von ihrer Tochter verschmäht worden war.
Auch wenn es manchmal schwierig war, Amanda zu mögen, hatte Lisey nicht gewollt, dass sie allein dort unten in Rumford lebte, und obwohl sie sich nie darüber geäußert hatten, war Lisey sich sicher, dass Darla und Cantata das Gleiche empfanden. Deshalb hatte sie darüber mit Scott gesprochen und das kleine Cape-Cod-Haus gefunden, das für 97000 Dollar bar auf den Tisch zu haben war. Wenig später war Amanda nach Norden gezogen, wo man sie leicht kontrollieren konnte.
Jetzt war Scott tot, und Lisey war endlich dazu gekommen, das Ausräumen seiner Schreibwerkstatt in Angriff zu nehmen. Gegen Mittag des vierten Tages waren die ausländischen Ausgaben in Kartons verpackt, die Korrespondenz war gekennzeichnet und in eine gewisse Ordnung gebracht, und sie hatte eine gute Vorstellung davon, welche Möbelstücke abtransportiert werden und welche bleiben würden. Weshalb hatte sie also das Gefühl, so wenig getan zu haben? Sie hatte von Anfang an gewusst, dass dies keine Aufgabe war, die sich beschleunigen ließ. Nicht zu reden von all den lästigen Briefen und Anrufen (und mehr als nur ein paar Besuchen), die sie seit Scotts Tod erhalten hatte. Letztlich würden die Leute, die sich für Scotts unveröffentlichten Nachlass interessierten, wohl bekommen, was sie wollten, allerdings nicht bevor sie auch bereit war, es ihnen zu überlassen. Dieser Punkt war ihnen anfangs nicht klar gewesen; sie hatten es nicht gefressen, wie es so schön hieß. Inzwischen glaubte sie aber, dass die meisten auf dem Laufenden waren.
Es gab viele Wörter für das Zeug, das Scott hinterlassen hatte. Das einzige, das sie wirklich verstand, war Memorabilien, aber es gab noch ein weiteres, ein komisches Wort, das wie Inkunkabilla klang. Auf die hatten es die ungeduldigen Leute, die Schmeichler, die Zornigen abgesehen: Scotts Inkunkabilla. Lisey fing an, die Leute in Gedanken als Inkunks zu bezeichnen.
2
Was sie vor allem empfand, besonders seit Amanda aufgekreuzt war, war Mutlosigkeit, so als hätte sie entweder die Aufgabe selbst weit unterschätzt oder ihre Fähigkeit, sie bis zum unvermeidlichen Ende durchzuziehen, (heftig) überschätzt – die aufzuhebenden Möbel, die unten in der Scheune eingelagert waren, die eingerollten und mit Klebeband zugeklebten Teppiche, der gelbe Ryder-Möbelwagen in der Einfahrt, wo er seinen Schatten auf den Bretterzaun zwischen ihrem Garten und dem der Galloways von nebenan warf.
Ach, und nicht zu vergessen das traurige Herzstück dieses Büros, die drei Desktop-Rechner (eigentlich waren es vier gewesen, aber der in Scotts Sammlerecke war jetzt weg, wofür Lisey selbst gesorgt hatte). Jeder war neuer und kleiner als sein Vorgänger, aber selbst der neueste war noch immer ein großes Desktop-Modell, und alle waren funktionsfähig. Sie waren auch passwortgeschützt, aber Lisey wusste nicht, wie die Passwörter lauteten. Sie hatte nie danach gefragt und auch sonst keine Ahnung, welcher Elektronikmüll auf den Festplatten der Computer gespeichert sein mochte. Einkaufslisten? Gedichte, Erotika? Sie war sich sicher, dass er einen Internetzugang gehabt hatte, hatte aber keine Ahnung, welche Seiten er dort besucht hatte. Amazon? Drudge Report? Hank Williams Lives? Madam Cruellas Golden Showers & Tower of Power? Sie neigte dazu, Letzteres nicht für möglich zu halten, sich einzubilden, sie hätte die Rechnungen dafür sehen müssen, aber in Wirklichkeit war das natürlich Bockmist. Hätte Scott einen Tausender im Monat vor ihr verbergen wollen, hätte er das tun können. Und die Passwörter? Der Witz war, dass er sie ihr vielleicht sogar verraten hatte. Sie vergaß solches Zeug nur, das war alles. Lisey nahm sich vor, es mit ihrem Namen zu versuchen. Vielleicht nachdem Amanda für heute heimgefahren war....
Auszug aus Love von Stephen King, Wulf Bergner. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
1 LISEY UND AMANDA
(Alles beim Alten)
1
Für die Öffentlichkeit sind die Ehefrauen berühmter Schriftsteller praktisch unsichtbar, und niemand wusste das besser als Lisey Landon. Ihr Mann hatte den Pulitzerpreis und den National Book Award gewonnen, aber Lisey hatte in ihrem Leben nur ein einziges Interview gegeben: für die bekannte Frauenzeitschrift, in der die Artikelserie »Ja, ich bin mit ihm verheiratet!« erscheint. Sie hatte ungefähr die Hälfte des fünfzig Zeilen langen Interviews auf die Erklärung verwendet, dass ihr Kosename sich auf »CeeCee« reimte. Der größte Teil der anderen Hälfte hatte mit ihrem Rezept für langsam gebratenes Roastbeef zu tun gehabt. Liseys Schwester Amanda sagte, das zu dem Interview gehörende Foto lasse Lisey dick aussehen.
Keine von Liseys Schwestern war über das Vergnügen erhaben, Aufregung zu provozieren (»Stunk zu machen«, wie ihr Vater sich immer ausgedrückt hatte) oder die schmutzige Wäsche anderer Leute durchzuhecheln, aber die Einzige, bei der es Lisey schwerfiel, sie zu mögen, war ebendiese Amanda. Amanda, die älteste (und sonderbarste) der ehemaligen Debusher-Girls aus Lisbon Falls, lebte gegenwärtig allein in einem Haus, das Lisey ihr zur Verfügung gestellt hatte: ein wetterfestes Häuschen nicht allzu weit vom Castle View entfernt, sodass Lisey, Darla und Cantata sie im Auge behalten konnten. Lisey hatte es ihr vor sieben Jahren gekauft, fünf bevor Scott gestorben war. Jung gestorben war. Vorzeitig abberufen worden war, wie man so schön sagte. Lisey konnte noch immer nicht recht glauben, dass er seit zwei Jahren nicht mehr da war. Es erschien ihr länger her zu sein und zugleich nur einen Wimpernschlag.
Als Lisey endlich dazu kam, sich daranzumachen, sein Büro auszuräumen - eine Flucht großer und schön beleuchteter Räume, die ursprünglich nur der Heuboden über einer Scheune gewesen waren -, war Amanda am dritten Tag aufgekreuzt, nachdem Lisey bereits mit der Bestandsaufnahme der ausländischen Ausgaben (von denen es Hunderte gab) fertig war, aber sonst noch nicht mehr hatte tun können, als eine Liste der Möbel zu erstellen, auf der Sternchen jene Stücke bezeichneten, von denen sie glaubte, sie behalten zu sollen. Sie wartete darauf, dass Amanda sie fragte, wieso sie um Himmels willen nicht schneller arbeite, aber Amanda stellte keine Fragen. Während Lisey von der Möbelfrage zu einer lustlosen (und ganztägigen) Betrachtung der in dem größten Schrank gestapelten Pappkartons mit alter Korrespondenz überging, schien Amandas gesamte Aufmerksamkeit weiter den eindrucksvollen Haufen und Stapeln von Memorabilien zu gelten, die auf ganzer Länge an der Südwand des Arbeitszimmers aufgetürmt waren. Sie tigerte vor dieser schlangenartigen Ansammlung auf und ab, sagte wenig oder nichts, schrieb aber häufig rasch etwas in ein kleines Notizbuch, das sie stets zur Hand hatte.
Lisey sagte nicht Was suchst du? oder Was notierst du dir da? Wie Scott mehr als einmal festgestellt hatte, besaß Lisey etwas, was bestimmt zu den seltensten menschlichen Gaben gehörte: Obwohl sie jemand war, der sich um den eigenen Kram kümmerte, störte es sie nicht, wenn man sich um anderer Leute Kram kümmerte. Das heißt, solange man keine Sprengsätze herstellte, um jemanden damit zu bewerfen, und in Amandas Fall waren Sprengsätze immer im Bereich des Möglichen. Sie war die Art Frau, die herumschnüffeln musste, die Art Frau, die früher oder später den Mund aufmachen würde.
Ihr Ehemann war 1985 von Rumford aus, wo sie gelebt hatten (»wie zwei in einem Abwasserrohr festsitzende Vielfraße«, hatte Scott nach einem Nachmittagsbesuch gesagt, den er nie zu wiederholen geschworen hatte), nach Süden abgehauen. Ihr einziges Kind, eine Tochter namens Intermezzo, kurz Metzie gerufen, war 1989 (mit einem Fernfahrer als Liebhaber) nach Kanada gegangen. »Eine flog nach Norden, eine nach Süden übers Land, eine konnt' nicht halten ihren Lästerrand.« Das war in ihrer Kindheit ein Holperreim ihres Vaters gewesen, und diejenige von Dandy Dave Debushers Mädchen, die niemals ihren Lästerrand halten konnte, war bestimmt Manda, die erst von ihrem Mann sitzen gelassen und dann von ihrer Tochter verschmäht worden war.
Auch wenn es manchmal schwierig war, Amanda zu mögen, hatte Lisey nicht gewollt, dass sie allein dort unten in Rumford lebte, und obwohl sie sich nie darüber geäußert hatten, war Lisey sich sicher, dass Darla und Cantata das Gleiche empfanden. Deshalb hatte sie darüber mit Scott gesprochen und das kleine Cape-Cod-Haus gefunden, das für 97000 Dollar bar auf den Tisch zu haben war. Wenig später war Amanda nach Norden gezogen, wo man sie leicht kontrollieren konnte.
Jetzt war Scott tot, und Lisey war endlich dazu gekommen, das Ausräumen seiner Schreibwerkstatt in Angriff zu nehmen. Gegen Mittag des vierten Tages waren die ausländischen Ausgaben in Kartons verpackt, die Korrespondenz war gekennzeichnet und in eine gewisse Ordnung gebracht, und sie hatte eine gute Vorstellung davon, welche Möbelstücke abtransportiert werden und welche bleiben würden. Weshalb hatte sie also das Gefühl, so wenig getan zu haben? Sie hatte von Anfang an gewusst, dass dies keine Aufgabe war, die sich beschleunigen ließ. Nicht zu reden von all den lästigen Briefen und Anrufen (und mehr als nur ein paar Besuchen), die sie seit Scotts Tod erhalten hatte. Letztlich würden die Leute, die sich für Scotts unveröffentlichten Nachlass interessierten, wohl bekommen, was sie wollten, allerdings nicht bevor sie auch bereit war, es ihnen zu überlassen. Dieser Punkt war ihnen anfangs nicht klar gewesen; sie hatten es nicht gefressen, wie es so schön hieß. Inzwischen glaubte sie aber, dass die meisten auf dem Laufenden waren.
Es gab viele Wörter für das Zeug, das Scott hinterlassen hatte. Das einzige, das sie wirklich verstand, war Memorabilien, aber es gab noch ein weiteres, ein komisches Wort, das wie Inkunkabilla klang. Auf die hatten es die ungeduldigen Leute, die Schmeichler, die Zornigen abgesehen: Scotts Inkunkabilla. Lisey fing an, die Leute in Gedanken als Inkunks zu bezeichnen.
2
Was sie vor allem empfand, besonders seit Amanda aufgekreuzt war, war Mutlosigkeit, so als hätte sie entweder die Aufgabe selbst weit unterschätzt oder ihre Fähigkeit, sie bis zum unvermeidlichen Ende durchzuziehen, (heftig) überschätzt - die aufzuhebenden Möbel, die unten in der Scheune eingelagert waren, die eingerollten und mit Klebeband zugeklebten Teppiche, der gelbe Ryder-Möbelwagen in der Einfahrt, wo er seinen Schatten auf den Bretterzaun zwischen ihrem Garten und dem der Galloways von nebenan warf.
Ach, und nicht zu vergessen das traurige Herzstück dieses Büros, die drei Desktop-Rechner (eigentlich waren es vier gewesen, aber der in Scotts Sammlerecke war jetzt weg, wofür Lisey selbst gesorgt hatte). Jeder war neuer und kleiner als sein Vorgänger, aber selbst der neueste war noch immer ein großes Desktop-Modell, und alle waren funktionsfähig. Sie waren auch passwortgeschützt, aber Lisey wusste nicht, wie die Passwörter lauteten. Sie hatte nie danach gefragt und auch sonst keine Ahnung, welcher Elektronikmüll auf den Festplatten der Computer gespeichert sein mochte. Einkaufslisten? Gedichte, Erotika? Sie war sich sicher, dass er einen Internetzugang gehabt hatte, hatte aber keine Ahnung, welche Seiten er dort besucht hatte. Amazon? Drudge Report? Hank Williams Lives? Madam Cruellas Golden Showers & Tower of Power? Sie neigte dazu, Letzteres nicht für möglich zu halten, sich einzubilden, sie hätte die Rechnungen dafür sehen müssen, aber in Wirklichkeit war das natürlich Bockmist. Hätte Scott einen Tausender im Monat vor ihr verbergen wollen, hätte er das tun können. Und die Passwörter? Der Witz war, dass er sie ihr vielleicht sogar verraten hatte. Sie vergaß solches Zeug nur, das war alles. Lisey nahm sich vor, es mit ihrem Namen zu versuchen. Vielleicht nachdem Amanda für heute heimgefahren war. Was allem Anschein nach nicht so bald passieren würde.
Lisey lehnte sich zurück und blies sich das Haar aus der Stirn. Bei diesem Tempo komme ich erst im Juli zu den Manuskripten, dachte sie. Die Inkunks würden überschnappen, wenn sie sähen, in welchem Schneckentempo ich vorankomme. Vor allem dieser letzte.
Der Letzte - das war vor fünf Monaten gewesen - hatte es geschafft, nicht zu explodieren, hatte es geschafft, weiter sehr höflich zu sprechen, bis sie anfing zu glauben, er könnte anders sein. Lisey hatte ihm erzählt, Scotts Büro stehe nun seit nahezu eineinhalb Jahren leer, aber sie habe schon fast die Energie und Willenskraft gesammelt, um dort hinaufzugehen und anzufangen, die Räume zu putzen und alles aufzuräumen.
Der Name ihres Besuchers war Professor Joseph Woodbody von der Anglistikfakultät der University of Pittsburgh gewesen. Die Pitt war Scotts Alma Mater gewesen, und Woodbodys Seminar »Scott Landon und der amerikanische Mythos« war äußerst beliebt und äußerst gut besucht. Außerdem hatte er dieses Jahr vier Doktoranden, die über Scott Landon promovierten, weshalb es wohl unvermeidbar war, dass der Inkunk-Krieger in den Vordergrund trat, als Lisey so vage Ausdrücke wie eher früher als später und fast bestimmt irgendwann diesen Sommer benutzte. Erst als sie ihm versicherte, sie werde ihn anrufen, »wenn der Staub sich gesetzt« habe, geriet Woodbody jedoch wirklich aus der Fassung.
Er sagte, die Tatsache, dass sie das Bett eines großen amerikanischen Schriftstellers geteilt habe, qualifiziere sie nicht dafür, als seine literarische Nachlassverwalterin zu fungieren. Das, sagte er, sei eine Aufgabe für einen Fachmann, und seines Wissens besitze Mrs. Landon nicht einmal einen College-Abschluss. Er erinnerte sie an die Jahre, die seit Scott Landons Tod bereits verstrichen waren, und die ständig zunehmenden Gerüchte. Angeblich gab es haufenweise unveröffentlichte Arbeiten Landons - Kurzgeschichten, sogar Romane. Konnte sie ihn nicht wenigstens für kurze Zeit in sein Arbeitszimmer lassen? Ihn ein bisschen in den Karteikästen und Schreibtischschubladen nachforschen lassen, und wäre es auch nur, um die wildesten Gerüchte zu widerlegen? Natürlich könne sie die ganze Zeit dabeibleiben - das verstehe sich von selbst.
»Nein«, hatte sie gesagt und Professor Woodbody die Tür gewiesen. »Ich bin noch nicht so weit.« Sie hatte die Tiefschläge des Mannes ignoriert - oder es zumindest versucht -, weil er offenbar doch so verrückt war wie alle anderen. Das hatte er nur geschickter und etwas länger getarnt. »Und wenn ich's bin, werde ich mir alles ansehen wollen, nicht nur die Manuskripte.«
»Aber ...«
Sie hatte ernst genickt. »Alles beim Alten.«
»Ich verstehe nicht, was Sie damit meinen.«
Natürlich tat er das nicht. Das hatte zur vertraulichen Sprache ihrer Ehe gehört. Wie oft war Scott hereingeschneit und hatte gerufen: »He, Lisey, ich bin wieder da - alles beim Alten?« Womit er gemeint hatte: Ist alles in Ordnung, ist alles cool? Aber wie die meisten Schlagworte (Scott hatte ihr das einmal erklärt, aber Lisey hatte es bereits gewusst) hatte auch dieses eine innere Bedeutung. Ein Mann wie Woodbody konnte die innere Bedeutung von alles beim Alten nie erfassen. Lisey hätte sie ihm den ganzen Tag lang erklären können, und er hätte sie trotzdem nicht verstanden. Weshalb? Weil er ein Inkunk war, und wenn es um Scott Landon ging, interessierte die Inkunks nur eines.
»Spielt keine Rolle«, hatte sie an jenem Tag vor fünf Monaten zu Professor Woodbody gesagt. »Scott hätte es verstanden.«
3
Hätte Amanda sie gefragt, wo die Dinge aus Scotts »Sammlerecke« eingelagert seien - die Preise und Plaketten und solches Zeug -, hätte Lisey gelogen (was sie für jemanden, der das selten tat, leidlich gut konnte) und gesagt: »In einem Schließfach in Mechanic Falls.« Amanda fragte jedoch nicht. Sie blätterte nur immer demonstrativer in ihrem kleinen Notizbuch und versuchte offenbar, ihre jüngere Schwester dazu zu bringen, das Thema mit der geeigneten Frage anzuschneiden, aber auch Lisey fragte nicht. Sie dachte lediglich, wie leer diese Ecke jetzt doch war, wie leer und uninteressant, seit so viele von Scotts Erinnerungsstücken verschwunden waren. Entweder vernichtet (wie der Computermonitor) oder zu schlimm zerkratzt und verbeult, um gezeigt zu werden; eine solche Ausstellung hätte mehr Fragen aufgeworfen, als sie je hätte beantworten können.
Schließlich gab Amanda nach und schlug ihr Notizbuch auf. »Sieh dir das an«, sagte sie. »Sieh's dir einfach an.«
Manda hielt ihr die erste Seite hin. Auf den blauen Linien, von den kleinen Metallbügeln links bis zum äußersten Blattrand rechts (wie eine codierte Nachricht von einem dieser auf den Straßen herumlaufenden Verrückten, denen man in New York ständig begegnet, weil für die öffentlich finanzierten Irrenanstalten nicht mehr genug Geld da ist, dachte Lisey matt), standen dicht gedrängt Zahlen. Die meisten waren umkringelt. Ganz wenige waren von Quadraten umgeben. Manda blätterte um, und nun waren zwei mit demselben Zeug vollgekritzelte Seiten zu sehen. Auf der nächsten Seite hörten die Zahlen in der Mitte auf. Die letzte schien 856 zu sein.
Amanda bedachte sie mit dem schrägen, rotwangigen, leicht lächerlichen hochmütigen Ausdruck, der früher, als sie zwölf und die kleine Lisey erst zwei gewesen war, bedeutet hatte, dass Manda hingegangen war und etwas auf eigene Faust unternommen hatte. Tränen für irgendjemanden würden folgen; meistens für Amanda selbst. Lisey merkte, dass sie mit gewissem Interesse (und leichtem Grausen) darauf wartete, was dieser Ausdruck wohl diesmal bedeuten würde. Amanda hatte sich, seit sie aufgekreuzt war, so verrückt benommen. Vielleicht lag das nur an dem trüben, schwülen Wetter. Wahrscheinlicher war jedoch, dass es mit dem plötzlichen Verschwinden ihres langjährigen Freundes zu tun hatte. Falls Manda vor der nächsten Periode emotionaler Stürme stand, weil Charlie Corriveau sie hatte sitzen lassen, musste Lisey sich wohl auf einiges gefasst machen. Banker hin oder her, sie hatte Corriveau nie leiden können, sie hatte ihm nie getraut. Wie konnte man auch einem Mann trauen, nachdem man beim Frühjahrs-Kuchenverkauf zugunsten der Bücherei mitbekommen hatte, wie die Jungs unten im Mellow Tiger ihn »Shootin' Beans« nannten? Was für eine Art Spitzname war das für einen Banker? Was sollte er vor allem bedeuten? Charlie wusste doch bestimmt, dass Manda schon früher psychische Probleme gehabt hatte ...
»Lisey?«, fragte Amanda. Auf ihrer Stirn standen tiefe Falten.
»Entschuldige«, sagte Lisey, »ich war nur ... einen Augenblick lang nicht ganz da.«
»Das bist du öfter nicht«, sagte Amanda. »Ich schätze, das hast du von Scott. Pass jetzt auf, Lisey. Ich habe auf jede seiner Zeitschriften und das gelehrte Zeug eine kleine Zahl geschrieben. Auf die Sachen, die drüben an der Wand gestapelt sind.«
Lisey nickte, als würde sie verstehen, worauf dies hinauslief.
»Ich habe die Zahlen mit Bleistift geschrieben und nicht fest aufgedrückt«, fuhr Amanda fort. »Immer wenn du mir den Rücken zugekehrt hast oder irgendwo anders warst. Weil ich dachte, wenn du es plötzlich doch bemerkst, verlangst du vielleicht, dass ich damit aufhöre.«
»Hätte ich nicht.« Sie nahm das kleine Notizbuch, das vom Schweiß seiner Besitzerin schon ganz schlaff war. »Achthundertsechsundfünfzig! So viele!« Und sie wusste, dass die entlang der Wand aufgestapelten Druckerzeugnisse nicht zu denen gehörten, die sie selbst hätte lesen und im Haus haben wollen - Zeitschriften wie O und Good Housekeeping und Ms. -, stattdessen hießen sie Little Swanee Review, Glimmer Train oder Open City, manche hatten auch unverständliche Namen wie Piskya.
»Noch ziemlich viel mehr«, sagte Amanda und wies mit dem Daumen auf die Stapel aus Büchern und Zeitschriften. Als Lisey sie nun eingehender betrachtete, sah sie, dass ihre Schwester recht hatte. Das waren weit mehr als achthundertfünfzig und ein paar Zerquetschte. Ganz sicher. »Insgesamt fast dreitausend, und wo du sie hintun willst oder wer sie haben wollen könnte, weiß ich beim besten Willen nicht. Nein, achthundertsechsundfünfzig ist nur die Zahl von denen mit Bildern von dir drin.«
Das war so unbeholfen ausgedrückt, dass Lisey es zuerst nicht verstand. Als sie es schließlich tat, war sie entzückt. Auf die Idee, dass es einen so unerwarteten Bildervorrat geben könnte - solch eine versteckte Chronik ihrer gemeinsamen Jahre -, war sie nie gekommen. Doch als sie jetzt darüber nachdachte, erschien ihr das nur logisch. Sie waren über fünfundzwanzig Jahre verheiratet gewesen, als er gestorben war, und Scott war in all diesen Jahren ein passionierter, ruheloser Reisender gewesen, unermüdlich unterwegs zu Lesungen und Vorträgen kreuz und quer durchs ganze Land, und hatte bis zu neunzig Hochschulen im Jahr ...