Schon blöd, wenn man gleich mit dem Debut Album die Meßlatte so hoch legt, daß man diese Marke - zumindest in künstlerischer Hinsicht - nie wieder erreichen kann. Dieses Schicksal ereilte Lenny Kravitz mit ,Let Love Rule'.
Als es 1989 erschien dachte man, daß die Saat die Prince 1984 mit ,Purple Rain gesät hatte endlich aufging, denn plötzlich gab es wieder einen schwarzen Musiker der Rock, Funk, Soul und Songwriting so gekonnt zu einer homogenen Mischung verband, daß einem beim Anhören schlichtweg der Atem wegblieb. Eigentlich gibt es auf diesem Album viele großartige, einige sehr gute und keine schlechten songs. Auch ungewöhnlich für spätere Kravitz'sche Verhältnisse ist hier der zwar omnipräsente, aber eher zurückhaltende Einsatz der Gitarren. Hier gibt's noch viel Platz für das E-Piano, das viele Songs trägt, und vor allem Luft in den songs, hier ist noch nichts überladen oder zugekleistert. Bestes Beispiel ist das ergreifende ,Be' - ein song den Kravitz in dieser Qualität nachher nie wieder schrieb.
Das alles ist spät 60er, 70er Jahre Musik, die aber so geschickt und so zeitlos in Szene gesetzt wurde, wie es heute gerade noch Jack White zusammenbringt und die vor allem von eigenständigen tollen Kompositionen lebt.
Ab und zu schaffte Kravitz dann auf späteren Alben noch jeweils ein bis zwei songs die an dieses Meisterwerk erinnerten, meistens aber war er zu sehr damit beschäftigt sein Ego zu pflegen, und sich als legtimen Erben von John Lennon, Jimi Hendrix und Led Zeppelin zu inszenieren, um sich seiner eigenen kompositorischen Fähigkeiten und seiner Eigenständigkeit bewußt zu werden. Schade drum, denn dieses Debut war so verheissungsvoll.
Die 20th anniversary edition ist tatsächlich ein echter Gewinn, denn alleine die Bonustracks auf der ersten Scheibe sind schon ihr Geld Wert. Die hyperaktive Version von ,Cold Turkey' ist noch zwingender und geqüälter als Lennon's Original, und der outtake ,Light Skin Girl From London' ist kompositorisch den originalen Albentracks zumindest ebenbürtig. Die Demos zeigen recht gut, dass Kravitz von seinen Entwürfen bis zum Endprodukt gesanglich keine und musikalisch wenig Veränderungen vornahm, und ,Mr. Cab Driver' funktioniert auch in der nackten, nur von Gitarre begleiteten Version ausgezeichnet, weils halt ein Klasse song ist. Die zweite CD bringt dann Live Aufnahmen des Albums aus dieser Zeit, und da merkt man dann, dass der Mann damals auch im Konzert richtig gut - sogar überragend gut war, denn bei der Intensität mit denen er diese songs rüberbrachte, gewinnt man den Eindruck, es handle sich hier um einen Überzeugungstäter, und nicht um den kühl kalkulierenden Karrieristen, als den er sich später herausstellte. Eine lohnenswerte Neuanschaffung diese Ausgabe.