Obwohl ich mich mittlerweile vor allem als Opern- und Alte-Musik-Fan bezeichnen würde, gibt es für mich musikalisch kaum etwas Spannenderes, als ein neues LloydWebber-Musical zum ersten Mal in den CD-Player zu legen. In uralter Verbundenheit mit dem Original-"Phantom" sah ich der ersten Begegnung mit seiner Fortsetzung jedoch -wie viele andere Hörer wohl auch- mit eher gemischten Gefühlen entgegen;- doch gerade seinen treuen Fans gegenüber, mit ihrer Ambivalenz zwischen hoher Erwartung und der Befürchtung, etwas "Heiliges" durch einen matten Aufguß entwürdigt zu finden, hat sich Lloyd Webber als sehr sensibel und verantwortungsbewusst bewiesen: Seine eigenen Aussagen auf der (tatsächlich verzichtbaren) Interview-DVD bestätigen den Höreindruck, dass er sehr behutsam und bewusst mit seinen Möglichkeiten umgegangen ist, dass es sich bei der Fortsetzung seiner ambitioniertesten Partitur verbietet, Lücken mit Halbherzigkeiten (im Stile von "Every movie's a circus") zu füllen oder sich in "neuer Einfachheit" ("Don't like you") zu versuchen.
Seine direkten Anleihen an das Original sind überraschend reduziert und äußerst gezielt eingesetzt: Statt sich dazu verführen zu lassen, das Publikum mit einer der großen bekannten Nummern einzufangen, wählt Lloyd Webber, als eher uneingängigeres Zitat, die sperrigen Akkordrückungen aus der Strophe zu "Point of no return", die weniger als vertraute Melodie, denn als (mystische, aber hochemotionale) atmosphärische Erinnerung aufleuchtet und auf vollkommen unplakative Art und Weise die Farben aus dem Original in das Sequel überträgt; das kurze "Primadonna"-Zitat im zweiten Akt hingegen ist in seiner Vorsichtigkeit auf geradezu verletzliche Weise anrührend. Und insgesamt ist es Herrn Lloyd Webber m.E. tatsächlich gelungen, die beiden, durch die Kurzzitate gut charakterisierten Keimzellen seiner Phantom-Musiksprache (die expressiv-düstere Harmonik einerseits, die opernhaft-ausschweifende Melodik andererseits) in das neue Werk zu transformieren:
So enthalten z.B. die "Beautiful"-Rezitative, die das Stück -immer im Zusammenhang mit sehr sensiblen, fast hellsichtigen zwischenmenschlichen Begegnungen- durchziehen, so delikate, ungewöhnliche harmonische Wendungen, wie ich sie schon lange in keiner Neukomposition mehr gehört habe; ein anderes Beispiel für phantom-typische harmonische Raffinesse sind jene abschiedsschwangeren, entrückenden Akkordschiebungen, mit denen die Worte "Leave the hurt behind" und ihre dramaturgischen Varianten begleitet werden. Auf der anderen Seite stellt der Titelsong "Love never dies", stilistisch ein typischer Webber und keinesfalls überraschend, gerade durch seine Eingängigkeit (die im Verlauf auch nicht durch ständige Wiederholungen ausgebeutet wird, sondern ihre szenische Einmaligkeit behält) einen großen Wurf da. Die Melodie ist bekannt als "Our kind of love" aus "Beautiful game", wo sie, laut Lloyd Webbers Aussage eigentlich von Anfang an zu Phantom-Plänen gehörend, nur versehentlich (wohl zur Anreicherung einer ansonsten eher blassen Show?) hineingeraten war. Auch mir war der Song dort mit seinem opernhaften Gestus eher als Fremdkörper vorgekommen, und so stellt Webbers Entscheidung, den Song nun für das Phantom zurückzugewinnen, in meinen Augen vor allem einen neuen Beweis für sein Stilgefühl dar,- welches ihm bislang in unübertroffener Weise ermöglicht hat, (fast) jedem seiner Werke ein eigenes Gesicht, eine eigene Klangfarbe zu geben.
Aber letztlich bleibt das Verhältnis zwischen dem "eigenen musikalischen Gesicht" und bewussten oder unbewussten Anleihen aus anderen Stücken bei aller liebevollen Detailgenauigkeit trotzdem das Hauptproblem von "Love never dies". Am deutlichsten wird dies bei dem weiteren Hauptthema, das im Rocksong "The beauty underneath" seine volle Gestalt erhält: Dabei handelt es sich um eine direkte (stilistische wie szenische) Parallele zum Song "The phantom of the opera", in der diesmal nicht Christine selbst, sondern ihr Sohn in die Welt des Phantoms eingeführt wird; der charakteristische hämmernde E-Baß lässt kein Zweifel daran, dass der Song als eine bewusste Variation des Klassikers intendiert ist,- die aber unvermeidbar gleichzeitig auch eine direkte Konkurrenz beider Songs hervorruft. Und bei einer solchen, durch den Komponisten selbst verschuldeten Gegenüberstellung, kann "The beauty" nur den Kürzeren ziehen,- auch wenn man seine größte Schwäche gar nicht berücksichtigen sollte: dass das deutlich markierte Hauptmotiv fast identisch mit demjenigen des "Salome"-Duetts aus "Sunset Boulevard" (z.B. an der Textstelle" Could be it's a little long")übereinstimmt Das mag in der harten, fast überladen-überhitzte Instrumentation des Duetts zwischen Phantom und Sohn Gustave noch wenig auffallen, folgenreich ist die (sicherlich unbewußte) Entlehnung jedoch durch das Faktum, dass dieses Motiv in "Love never dies" in fast in allen dramatischen, konflikthaften Situationen in vielfältiger Weise verarbeitet wird, und im Sinne des Prinzips der Leitmotivik geistert dadurch eine Figur durch den Phantom-Plot, die dort gar nichts zu suchen hat: Joe Gillis.
Man gewinnt den Eindruck, dass Lloyd Webber in seinem ängstlich-aufmerksamen Bemühen, dem Original gegenüber stets den ehrfürchtigen Abstand zu erweisen, viel zu wenig darauf geachtet hat, welche anderen Einflüsse sich zum Teil sehr dominant eingeschlichen haben und das Phantom aus seinem eigenen Klangfeld entfremden. Am fatalsten wirkt sich dies dort aus, wo die ersten Assoziationen auch im Hörer entstehen: zu Beginn des Stückes.
Da ist zunächst die einsame Soloflöte: ihre Melodie kann hier ohne Begleitung beim ersten Hören noch kaum "verstanden" werden; Assoziationen erweckte sie mir dadurch jedoch erst recht: an die ebenso unbegleitete, melancholische Flöten-Reprise von "God's own country" im Finale von "Beautiful game".
Die nächsten zu hörenden Klänge untermalen die Begegnung von Madame Giry und Fleck: geheimnisvoll wabernde Syntheziser-Töne (die aus dem Ganzton-Spektrum stammen), dazu in den Piccolo-Flöten ein markantes klopfendes Motiv mit einem sehr charakteristischen "schrägen" Tonsprung, dem Tritonus. Und diese Kombination findet sich in gleich zwei weiteren Prologen aus Lloyd Webbers Oeuvre: in Joe Gillis' Einleitung "But before you read about it" aus "Sunset Boulevard" sowie, atmosphärisch noch ähnlicher, in der "Signal-Man"-Szene zu Beginn von "Woman in white": man beachte die motivische Parallelität von "If you wanna know the real facts" und "The dead lie on the tracks" im Verbund mit dem "ganztönig" unterlegten Synthesizer. Durch die neuerliche Verwendung dieser beiden musikalischen Bauteile in "Love never dies", immer in den Szenen, in denen geheimnisvolle Stimmungen erzeugt werden sollen, löst sich die enge Verbindungen unter den drei Musicals bis zuletzt nicht auf.
Als drittes erscheint eine Walzermelodie, die ihre diffus-unwirkliche, leicht verzerrte Wirkung erneut aus ihrem ganztönigen Aufbau bezieht: dies ist ein typisch Webbersches Stilmittel, das man schon in den Ouverturen zu "Cats" und "Starlight Express", später vor allem in "Beautiful Game" findet, zu dessen Ensembles ("The final", und "Dead zone") diese Melodie aus Phantom2 vielleicht die größte, aber nicht nachhaltig einschränkende Ähnlichkeit besitzt.
Einschneidender werden die Ähnlichkeiten im ersten wirklichen Song, der nun anklingt: dem Duett "Coney Isle". Daß Madame Girys Einsatz, ganz intim nur vom Klavier begleitet, wirklich berührt, bestätigt eher noch die Verwandschaft zu "Love changes everything" (dem Opener aus "Aspects of love", ein ebenso dem Erinnern gewidmetes Stück), als dessen (durch die Verwendung der Mollsubdominante) abgedunkelte Schwester die erste Zeile der neuen Melodie betrachtet werden könnte (besonders auffällig: die motivische Gleichheit der Endungen "Everything" bzw. "Miracle"); doch dies ist m.E. eher als atmosphärische Erinnerung denn als wirkliche Wiederholung zu werten. Die zweite Zeile jedoch raubt dem Song seine Eigenständigkeit auf irreparable Weise: sie besteht aus einer unverwechselbar eigentümlichen harmonischen Wendung (der seltenen Abfolge von Moll-Dominante zur (verminderten) Dominant-Sept), die Lloyd Webber für "Woman in white" "erfunden" und dort, vor allem im Terzett der "Drawing lessons", ausgiebig durchgeführt hat. Wenn sich das "Coney Isle"-Thema sich im Folgenden dann zur großen Walzer-Ouverture entwickelt, so bleibt als charakteristischer Kern des damit skizzierten Vergnügungsrummels auf der New Yorker Insel tatsächlich die beschauliche altenglische Sommerszene aus "Woman in white" immanent - und dies ist in meinen Augen tatsächlich ein bedauerlicher Fehlgriff, der einem wichtigen Bestandteil des Stückes, dem Gesellschaftsportrait nämlich, die originäre Basis entzieht.
Die Instrumentierung schließlich ist (ganz anders als bei dem kammermusikalischen Zwillingspaar "Aspechts" und "Woman") mit beeindruckender Farbigkeit in großem Orchester ausgeführt und kann nicht nur im Coney-Walzer begeistern,- versetzt den Hörer jedoch eher ins extrovertierte Hollywood aus "Sunset Boulevard" als in die spätromantisch-schwelgerischen Klänge des Pariser Operngeschehens.
Lesen Sie weiter... ›