Jedes neue Album von R. Kelly sorgt immer für viel Aufsehen, leider auch in negativer Hinsicht, denn seine letzten beiden Platten wurden von den Fans doch meist sehr enttäuscht aufgenommen. Mit seinem aktuellen Album "Love Letter" stellt sich der selbsternannte König des R&B etwas überraschend seinen Kritikern und bringt uns wieder klassischen Soul anstatt Hip-Hop-Macho-Gehabe. Klassisch ist dabei ein gutes Stichwort, denn "Love Letter" gilt als Hommage an den Rhythm and Blues vergangener Jahrzehnte. Wenn man dann auch noch einen Blick ins Booklet wirft und sieht, dass bis auf ein Gastauftritt alles aus der Feder des Meisters stammt, steht einem gelungenen Werk doch fast nichts mehr im Wege.
Schon gleich der Titelsong "Love Letter", mit dem das Album eröffnet wird, präsentiert uns den runderneuerten R. Kelly, der mit einem gefühlvollen, jedoch auch angenehm beschwingten Liebeslied an seine großen Tage problemlos anknüpfen kann. Etwas später in der Tracklist findet sich noch eine Weihnachtsausgabe des Songs, die sich allerdings nur wenig vom Original unterscheidet. Unheimlich smooth und weiterhin sehr emotional - ohne dabei ins Kitschige abzudriften - geht es gleich mit "Number One Hit" weiter. Mit schönem Groove und noch schönerer Klavierbegleitung ausgestattet läuft der Sänger aus Chicago erneut zu Höchstleistung auf und lässt uns das enttäuschende voran gegangene Album "Untitled" fast schon komplett wieder vergessen. Relaxt und funky schwingt sich "Just Can't Get Enough" in unser Gehör und auch wenn "Love Letter" ja bereits schon im Dezember erschien, eignet sich dieser Jam mit seinem positiven Sound perfekt für die nun anstehenden Sommertage. Wer denkt dass der alte Hengst R. Kelly komplett auf seinen dirty Talk verzichtet, der wird mit "Taxi Cab" eines Besseren belehrt, wobei man auch sagen muss, dass es hier geschmackvoller zugeht, als zuletzt. Musikalisch bietet uns "Taxi Cab" einen Mix aus kraftvollem Rock und etwas softeren Klängen, die sich immer wieder abwechseln.
"Radio Message" dürfte das wohl größte Highlight von "Love Letter" darstellen. Die Wurzeln in der Motown Ära sind mehr als deutlich zu spüren und so begegnen wir einem mit zahllosen Instrumenten bestückten und sehr frischen Track, der trotz des 60er Styles kein bisschen altbacken rüberkommt, sondern schlicht und einfach begeistert. In eine ähnliche Kerbe schlägt das darauffolgende "When A Woman Loves", wenn auch deutlich langsamer und romantischer gehalten. Den einzigen Gastbeitrag bekommen wir auf "Love Is" zu hören und zwar von der noch recht unbekannten K. Michelle. Bei "Love Is" handelt es sich schlicht und einfach um einen gute Laune Song, dessen schwungvollen Melodien man sich einfach nicht entziehen kann und fast schon gezwungen wird im Takt mit zu gehen. Die Endphase von "Love Letter" lässt es vom Tempo her deutlich reduzierter angehen. Angefangen mit dem Extrem-Slow-Jam "Music Must Be A Lady", vollendet mit dem traurigen "How Do I Tell Her?", das noch einmal die Gefühle so richtig aufschäumen lässt. Als versteckten Bonus finden wir noch eine Cover-Version von Michael Jacksons "You Are Not Alone", das bekanntlich damals von R. Kelly geschrieben und produziert wurde. Ob diese Zugabe nun wirklich notwendig war, ist zweifelhaft, aber da es wie gesagt nur ein Bonus ist, wirkt sich das nicht sonderlich auf den Rest von "Love Letter" aus.
Sinneswandel zum rechten Zeitpunkt kann man da nur sagen. Alles was R. Kelly mit seinen letzten Alben falsch gemacht hat, macht er mit "Love Letter" nun wieder mehr als nur richtig. Toller Sound, schöne Texte und alles selbst produziert - so wollen wir das von der R&B-Legende hören. An seine großen Werke "12 Play", "R." oder "TP-2.com" kommt er zwar nicht ganz heran, ist aber auch nicht weit davon entfernt, weshalb man "Love Letter" nicht nur R. Kelly Fans, sondern allen Soul-Liebhabern ans Herz legen kann.