Es ist immer wieder erschreckend und macht mich wütend, wie mit einem der höchsten und wertvollsten Kulturgüter der Menschheit, nämlich der Musik, umgegangen wird. Denn die heutige Musik-Industrie (Industrie muss man sie leider nennen) ist in der Hand von Diktatoren, in Person der Label-Bosse, die absolut keine Ahnung haben von dieser Kunstform, geschweige denn von Kunst an sich.
Das beweisen die neuesten Releases des Vollblutmusikers Ryan Adams wieder einmal. Zu düster sei es, zu wenig radiotauglich, das neue Material. Deswegen wird schnell ein anderes Album, in Form von "Rock N Roll", eingeschoben. Was bei den meisten Anderen wohl zum arg durchschnittlichen Schnellschuss verkommen wäre, wird bei Ryan Adams ein weiteres großartiges Album, das einmal mehr seine außergewöhnliche Vielseitigkeit beweist. Ryan Adams kann aber doch noch durchsetzen sein "Love Is Hell" zu veröffentlichen, zwar nicht als ein Album, aber sein wir froh. Denn die Welt wäre um ein großartiges Stück Kunst ärmer, hätte man die Entscheidung des Labels einfach akzeptiert.
Auf "Love Is Hell" part 1 + 2 gibt es Ryan Adams in seinen inspirierendsten und besten Momenten. In einem gebe ich somit dem Label recht: Diese Musik ist wirklich nicht radiotauglich, denn sie besitzt viel zu viel Tiefe und Gefühl um aus einem kleinen Kästchen zu tönen, das bevorzugt zur Dauerberieselung in Supermärkten oder Würstelbuden eingesetzt wird. Nein, in dieser Musik muss man versinken, sich ihr völlig ergeben, wofür man auch reich belohnt wird: Großartige Seelenstreichler wie "Political Scientist", "The Shadowlands", "Avalanche", "My Blue Manhatten", oder "I See Monsters", gepaart mit anspruchsvoller guter Laune wie "The House Is Not for Sale", "Love Is Hell", "Please Do Not Let Me Go", "English Girls Approximately", oder "Hotel Chelsea Nights". Ein weiterer Höhepunkt ist das Oasis-Cover "Wonderwall". Ich bin zwar kein großer Fan von Coverversionen, aber was Ryan Adams darunter versteht ist schlicht ergreifend. Er reduziert den Song auf das wesentlichste, gibt ihm die Adams'sche Seele und macht daraus eigentlich eine Eigeninterpretation, welche das Original Lichtjahre hinter sich lässt! So machen Coverversionen einen Sinn!
Es gibt wohl keinen anderen Schluss, als "Love Is Hell" als Ryan Adams' reifstes und bestes Werk zu bezeichnen, welches zu den absoluten Highlights des abgelaufenen Jahres zählt und ein Klassiker hätte werden können, wäre das Material als ein Album veröffentlicht worden. Den Fan wird die Aufteilung auf zwei CDs zwar nicht sonderlich stören (außer, dass man statt einem Album zwei EPs, also deutlich mehr Geld bezahlen muss), aber mal ehrlich: Wieviele EPs zählen heute zu den Klassikern? Ein bißchen versöhnlich stimmt mich aber die Tatsache, dass Ryan Adams mit den 4 Bonus-Tracks (verteilt auf beide EPs), seinen Label ein bißchen ausgetrickst hat, denn was für das laienhafte Ohr (also die Führungsetage des Labels) durch seine experimentelle Spielweise vielleicht wie Lückenfüller wirkt, entpuppt sich für den Musikkenner als hochwertiges Material, das mit dem "normalen" absolut mithalten kann und die EPs somit fast schon auf Album-Länge streckt. Das Gute siegt ja doch ;)