Vier Jahre nach dem letzen Studioalbum meldet sich 'living Legend' Barbra Streisand mit einer neuen CD zurück und landet damit ' um es vorwegzunehmen - einen ganz großen Wurf.
Barbra Streisand klingt entkleistert von Zuckerguss schwülstiger Geigen und sich steigernder Orchester ursprünglich, echt und wahrhaftig. Viel intimer und gefühlvoller als zum Beispiel auf dem meiner Meinung nach überproduzierten 'Movie-Album'. Weg ist der fast schon krankhafte Perfektionismus, mit dem noch ein Schleifchen drangesäuselt werden musste und noch ein Streicher mehr über einen bestimmten Ton drübergelegt werden musste. Produzentin Diana Krall scheint sie befreit zu haben vom Druck, ständig beweisen zu wollen, dass sie die größte Sängerin der Welt ist. Sie reduziert die Orchesterbegleitung auf ein absolutes Minimum und stellt in den Mittelpunkt, was einzigartig und wunderbar ist: Barbras Stimme. Unterstützung durch das Orchester bekommt sie nur, wenn es erforderlich ist, und auch nicht von einem Heer von Streichern, sondern dosiert nur von einer Handvoll Instrumente. Immer nur soviel, wie nötig ist, um das zu transportierende Gefühl zu unterstreichen, leise und sanft, um die zarte Intimität nicht zu zerstören.
Dadurch verliert Barbra den Schutz der sie umgebenden perfekten Arrangements. Sie gibt den Blick frei auf sich und ihre Seele und transportiert so mit jedem Ton soviel mehr an Wahrheit und Schönheit, als es ein dreifach perfekt nachvertontes 'hohes C' jemals könnte. Nichts gekünsteltes ist in ihrem Gesang, einfach nur Emotion und Barbra pur. Jedes zarte Kratzen an einem Ton macht den Gesamteindruck nur noch sympatischer und wohliger. Das alles klingt frisch und inspiriert und überhaupt nicht nach alter Frau.
Barbras wirkt relaxt, glücklich und in sich ruhend. Einfach warm und umarmend. Hier singt eine Frau von Liebe und den sich um sie rakenden Gefühlen, die gelebt und geliebt hat und der jeder Kitsch und jedes Zuviel fremd ist. Sie ist reduziert auf sich und ihre Stimme, und das tut dem Album verdammt gut.
Die Songauswahl besticht. Barbra Streisand wagt sich an große Klassiker und Standards des Jazz heran und schreckt nicht davor zurück, dass vor ihr Legenden wie Ella Fitzgerald, Frank Sinatra oder Judy Garland diese Songs interpretierten. Sie muss keinen Vergleich scheuen; ihre Einzigartigkeit machen jeden Song, den sie singt, zu einem Streisand-Song.
Ich kann und will keinen Titel herausgreifen und einzeln besprechen. Meines Erachtens sollte man das Album als Ganzes hören, auf sich wirken lassen und es genießen. Trotzdem möchte ich kurz auf den Titel des Albums eingehen: 'Love is the answer' ist eine Textzeile aus dem von Jule Styne geschrieben Klassiker 'Make someone happy'. Hier taucht wie schon oft in Barbras Karriere eine Verbindung zu Judy Garland auf, die diesen Song in den 60ern zu einem Standard machte und die Pate Stand am Anfang von Streisands Karriere. Unvergessen bis heute ist ihr Duett 'Get Happy / Happy Days are here again' von 1963; später sang Barbra dann Garland-Songs wie 'Somewhere over the rainbow' oder 'The Man that got away'.
'Love is the answer' ist ein ganz großer Wurf; ein Album, das sich einreiht in die lange Liste von 63 Alben in 5 Jahrzehnten, deren Songs Barbra Streisand viel mehr zu einer lebenden Legende machen als es dutzende Oscars, Grammys, Golden Globes und Tonys jemals werden können. Egal, welcher Erfolg diesem Album beschieden sein wird ' sollte es die Nummer 1 der Billboard-Charts erreichen, wäre Barbra die erste und einzige Künstlerin, die Nummer 1-Alben in 5 aufeinander folgenen Dekaden hatte ' künstlerisch ist 'Love is the answer' ganz weit oben einzureihen und in einem Atemzug mit dem legendären 'Broadway-Album' zu nennen.