Eines der wichtigsten "kommerziellen" Teenie-Hardrock-Alben der 70er Jahre ... und sicherlich auch unbestreitbar einer der großen Meilensteine, fast schon ein Aushängeschild für die lange Karriere von KISS!! Für diese Band ist "Love Gun" (zusammen mit den ersten beiden Alive-Doppelalben, dem Debüt-Album, und Destroyer!) ungefähr ebenso exemplarisch wie "Highway to Hell" von AC/DC, "Led Zeppelin II" von Led Zeppelin, und "Bomber" von Motörhead. Eines der großen Klassiker-Alben, an dem eigentlich kein wahrer Fan vorbeikommt. Durch diese Platte, und "Destroyer" (ca. 1 Jahr vorher eingespielt) bin ich eigentlich endgültig Kiss-Fan geworden.
Natürlich muss man wissen: Dieses Album trägt nicht die Bob Ezrin'sche Handschrift mit Orchester, Chören, und Bandeinspielern, sondern wurde wie die Alive-Alben und das zuvorgehende "Rock and Roll Over" Album von 1976 allein von Eddie Kramer, dem damaligen Kiss-Stammproduzenten, produziert, und es hat darum einen sehr trockenen, geradlinigen, schnörkellosen Rocksound. Hier gibt es keine Experimente, keine Abweichungen, ... und die Band lag noch lange vor ihren Pop-Kitsch-Ausrutschern von 2-einhalb Jahren später. Außerdem war "Love Gun" eine Platte, die in das bis dato kommerziell erfolgreichste Jahr für Kiss in der Originalbesetzung fiel, und die Motto-Platte der großen Tour von 1977/78 war. Deswegen wurde der Sound und das Gruppenkonzept/Image von "Rock and Roll Over" hier konsequent weitergeführt. "Love Gun" ist wohlgemerkt auch eine sehr gute halbstündige Hardrock-Scheibe, aber aus der Sicht eines überzeugten Metallers (80er Jahre Metal ...) keine gute "Metal-Scheibe". Es gibt nämlich keine minutenlangen Gitarrensoli, und keine besonders Metal-spezifischen Textbotschaften. Aber als sie 1977 erschien, war sie für die damaligen Kiss-Fans der Überhammer!! Paul Stanley schrieb für dieses Album seine absolute Lieblingsnummer, sozusagen eine seiner Hymnen, seinen "signature song", wie man in Amerika zu sagen pflegt, und das ist das Titelstück über seine "Liebespistole" ... (der Titel war übrigens ursprünglich als Seitenhieb auf den schnellen Erfolg der Punkband Sex Pistols gemeint) In einem Interview kurz vor der Kiss Farewell-Tour 2000 wurde Paul Stanley einmal gefragt, welcher Song aus all den Kiss-Alben, aus all den Nummern, die er jemals geschrieben hätte, sein eigener Favorit sei, und seine Antwort war "Love Gun"!!! -- Für Stanley selbst repräsentiert dieser Song geradezu die frühen Kiss: Laut, schnell, direkt, unverschämt, peppig, zum Mitsingen geeignet, eingängig, und bis zum Überschäumen voll mit Testosteron-Power!! Interessanterweise blieb in der Zeit nach 1980 auch nur der Titelsong ein Klassiker im Kiss Live-Set, in welchen späteren Besetzungen sie danach auch immer auftraten, mit Vinnie Vincent, mit Mark St.John, und dann mit Bruce Kulick an der Leadgitarre, ... bei jedem Kiss Live-Auftritt kam auf jeden Fall irgendwann der Song "Love Gun", während der Crazy Nights Tour sogar als Show-Opener. Manche Leute mögen ja die 60er Jahre Coverversion von "Then She Kissed Me", mit der das halbstündige Werk ausklingt, nicht, ... aber ein amerikanischer langjähriger Kiss-Bewunderer drückte seine Einstellung dazu einmal treffend so aus: "Pauls Stimme ist so großartig, dass ich ihn sogar noch gerne das Telefonbuch rauf- und runtersingen hören würde, und es wäre immer noch diese unglaubliche Aura von Paul Stanley! Also mag ich auch Then She Kissed Me." Der Song ist natürlich aufgrund seines Titels eher als "Gag" mit auf die Platte genommen worden, so ähnlich wie das eigentlich uninteressante "Kissin' Time USA" auf dem 73er Debütalbum von Kiss. Ein anderer Grund war möglicherweise, dass Paul wieder mit insgesamt 4 von ihm gesungenen Stücken auf der Platte vertreten sein wollte oder sollte, und damals noch nicht rechtzeitig genug brauchbares Material geschrieben hatte (Gene singt auch wieder 4 eigene Songs, und bei den verbleibenden zwei Nummer durfte je einmal Ace und einmal Peter die Lead Vocals übernehmen ... wobei aber Aces "Shock Me" um Klassen besser ausgefallen ist, und ebenfalls bei den Reunion- und Psycho Circus-Tourneen wieder unverzichtbarer Bestandteil der Liveshow wurde). Paul mochte "Then She Kissed Me" aber tatsächlich und wollte hiermit erstmals beweisen, dass er auch Popmelodien und sanfte Balladen mühelos intonieren konnte.
Der einzige wirkliche Schwachpunkt des Albums ist das von Peter Criss gesungene "Hooligan", das textlich und vom Mit-Schunkel-Wert her deutlich abfällt. Da es aber nicht sehr lang ist und im gleichen donnernden Soundgewand daher kommt wie der Rest des Albums, ist das Stück hier im Zusammenhang nicht sehr störend. Mein heimliches Lieblingsstück des Albums ist der Eröffunungstrack "I Stole Your Love", der viel zu selten von Kiss in späteren Live-Sets berücksichtigt wurde. Alle 4 Mitglieder sind hier sehr druckvoll im Chorus zu hören. Paul und Ace spielen bei diesem Stück ein Doppel-Leadgitarrenriff, wie es in dieser Form nur sehr, sehr selten bei Kiss vorkam. Bei diesen Hooklines muss einfach jeder mit ... da kann es kein Halten mehr geben!! Der Song killt einfach und dabei bleibt es. Das Solo darin ist beinahe so kultig wie das bei "Detroit Rock City".
Unbestreitbarer (70er-Jahre-)"Kult" ist auch das eigens für dieses Album von Fantasy-Maler Ken Kelly gemalte Covermotiv. Ich kannte dieses Bild schon Jahre, bevor ich mich erstmals richtig für die Musik der Gruppe zu interessieren begann. Es ist das wahrscheinlich insgesamt gelungenste Kiss-Cover aus der Make-Up-Zeit, in Originalbesetzung.
"Love Gun" das letzte, aber möglicherweise beste Studioalbum, auf dem noch alle 4 Originalmitglieder der Band voll und ganz zufrieden schienen und voll motiviert hinter der Band standen. Abgesehen von "Alive II", das noch im selben Jahr 1977 auf den Markt kam und eigentlich nur einen Teil der Love Gun-Bühnenshow festhalten sollte, war es auch das letzte von Eddie Kramer produzierte Kiss-Album, denn danach kamen die 4 Solo-Alben, dann die Zeit mit Vini Poncia, und danach eine Zeit mit wechselnden Produzenten und in den 80ern vermehrt von Paul Stanley und Gene Simmons ko-produzierte Projekte (siehe "Lick It Up", "Animalize", und "Asylum").
Viele Fans der Band beteuern auch immer wieder, dass viele Alben der Band in den 80er Jahren nur ein müder Abklatsch der Destroyer- und Love Gun-Phase darstellen würden (das ist nicht war, aber es gibt auch Argumente, die in diese Richtung zeigen).
Mein Urteil: Love Gun muss man einfach kennen! Wenn man "Love Gun" nicht gut findet, wird man sich wohl kaum an irgendein anderes Werk von Kiss gewöhnen können.