Braucht die Welt ein "neues" Beatles-Album?
Die Zahl der seit der Trennung der Fab Four veröffentlichten "neuen" Beatles-Alben nimmt ja nun leider schon inflatorische Ausmaße an. Und diese Veröffentlichungspolitik trägt dazu bei, dass man bei "Neuerscheinungen" als großer (aber auch kritischer) Beatles-Fan seit geraumer Zeit neben der Freude auch ein gerütteltes Maß an Zweifeln, Mißtrauen und eben auch Enttäuschung empfindet. (Ich diskutiere an dieser Stelle bewußt nicht das Totschlags-Argument, dass es immer (auch) um das "Große Geld" geht.)
Neben einigen gelungenen Kopplungen (Rotes Album, Blaues Album, One) gibt es die unzähligen schlechten Themen-Alben. Neben fragwürdigen oder aufnahmetechnisch miesen Halb-Bootlegs steht der Versuch, Substanzielles zu heben - etwa mit der Anthology-Reihe.
Und nun also - ganz "zeitgemäß" - der mit einem großen Medien-Hype angekündigte Remix "Love".
Mit der eingangs beschriebenen Mischung aus Neugier/Freude und Zweifel/Misstrauen habe ich mir am Veröffentlichungstag nun "Love" angehört und daraufhin gleich gekauft. Warum?
Zunächst einmal hat der "große alte Mann", der 5. Beatle George Martin, die Fäden des Projektes in der Hand gehalten. Er schuf dieses Album in seinem 80. Lebensjahr als Reminiszenz an sein Alter Ego und gleichzeitigen Abschluß seiner Laufbahn als Ausnahme-Produzent. Also der darf das!
Außerdem ist "Love" der erste (umfassende) von den Beatles bzw. Ihren Erben legitimierte Versuch, einen Teil des Gesamtwerkes den klanglichen und audiophilen Erfordernissen des 21. Jahrhunderts anzupassen (zunächst im Rahmen eines künstlerischen Musicals des "Cirque du Soleil").
Und das ist meiner Meinung nach sehr gut gelungen (ich beziehe mich hier ausdrücklich auf die DVD-Audio DTS 5.1 der Special Edition).
Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Ich bin Purist, was die Originalversionen angeht. Aber ich habe beim Hören der Audio-DVD "Love" schon wahnsinnig viele neue, bisher unbekannte Facetten der (bekannten) Beatles-Songs gehört und "gespürt". So unwahrscheinlich das auch klingt: Einige Visionen und Intentionen der Beatles werden (für mich) im neuen Kontext des Remixes "Love" erstmals transparent oder treten zumindest deutlicher hervor (herausragende Beispiele: "Because", "Strawberry Fields Forever", "Lady Madonna"). Erstaunlich, dass alle (!) Tonspuren Originale sind (bis auf die Orchestrierung bei "While My Guitar Gently Wheeps" - so jedenfalls nachzulesen in der offiziellen Presse-Erklärung von George Martin). Und dieser Fakt spricht für den formulierten Anspruch des Projektes "Love" wirklich etwas "Neues" zu bieten.
Einige Song-Zusammenmischungen bzw. -übergänge sind zudem genial (Being For The Benefit Of Mr. Kite!/I Want You/Helter Skelter; Hey Jude - Sgt. Peppers Lonley Hearts Club Band).
Zusammengefaßt: Das Album ist eine positive Überraschung und vorrangig für den Beatles-Fan eine "Entdeckung" wert. Vier von fünf Sternen deshalb, weil Otto Normalverbaucher das Album wahrscheinlich vor allem klanglich bewertet und einige (wenige) Effekte arg an der Grenze des Verspielten sind (Polizeisirenen u.ä.).
Tipp: Augen schließen und im DTS 5.1-Sound "A Day In The Life" hören!
Braucht die Welt ein "neues" Beatles-Album?
"Die Welt braucht gar nichts außer Liebe", antwortet Sir George Martin auf diese Frage. Eben "Love".