Willkommen bei Bill Hicks, dem amerikanischen Stand-Up-Comedian mit Ausnahmeformat. 1994 an Krebs verstorben, war Hicks ein kompromissloser Performer, dessen unglaublicher Mix aus Obszönität, Ehrlichkeit, Politik, Weisheit, Perversion, Grenzüberschreitung, Verwundbarkeit bis heute seinesgleichen sucht. Vom ersten Irakkrieg bis zum Drogenkonsum, von Religion und Abtreibung und Marketing bis zu seinem kaputten Liebesleben, niemand ist so schonungslos, so offen auf die Bühne gegangen. Die Sammlung seiner Texte in Love all the People offenbart, dass Hicks keineswegs frei improvisiert hat, so sehr seine Ausbrüche on stage dies auch nahelegen, sondern sehr konzentriert an seinen Text gefeilt und gearbeitet hat. Die gleichen Motive tauchen immer und immer wieder in den Transkripten seiner Liveshows auf, ebenso in Briefen, Stücken, Materialien. Der Künstler erscheint so als Prozess, eine evolutionäre Entwicklung von Ideen, Stimmungen, Meinungen, der Comedy Act wird so zur Skulptur, an der Hicks meißelt, die Pointen minimaler und noch minimaler auf den Punkt bringt. Obwohl sich dadurch extrem viel Material wiederholt, bleibt das Buch durchweg lesenswert, eine Reise in den Kopf eines wütenden und liebevollen Mannes, für den Humor kein Zeitvertreib ist, keine Belustigung, sondern der als klassischer Hofnarr seinem Publikum nichts anderes als die Wahrheit, die Absurdität des Alltags und seiner Tabus und Normen, aufzeigt. Wo andere Shock-Comedians sich auf Schwulenwitze und ein paar Schimpfworte beschränken (Dennis Leary, Andrew Dice Clay), zerfleischt Hicks mit der Energie einer Splitterbombe gesellschaftlich akzeptierte Vorstellungen und zeigt, wie wenig sinnvoll die Verbote und Gebote der (amerikanischen) Gesellschaft sind. Und ist dabei saukomisch, keine Sekunde trocken oder akademisch, sondern hinreißend irrlichternd, über alle Themen hinwegspringend und immer wieder auf den Punkt kommend.
Damit transzendiert und verändert Hicks sein eigenes Medium. Wir haben in Deutschland keine Vorstellung von dieser Art von Performance. Wir haben Kabarettisten, die etwas bierernst die Politik kommentieren und bestenfalls dem SPD-Ortsverein noch ein Schmunzeln entlocken und sogenannte Comedians, deren Humor sich in eher platten Klischee-Figuren frei jeder Botschaft, jeder Persönlichkeit am unteren Spektrum von Treppenwitz entlanghangeln. Hicks will nicht unterhalten. Hicks will aufrütteln. Nicht ohne Grund komplett aus einer David-Letterman-Nightshow herauszensiert, pisst Hicks genau die richtigen Leute an. Und hat dabei trotz allem eine klare, positive Message, die aus allen Texten immer wieder hervorbricht und den Titel des Buches treffend macht.
Das einzig Blöde: er ist tot. Ich hätte so gern gehört, was Bill Hicks zu George Bush Jr und Irakkrieg II zu sagen gehabt hätte. es ist seltsam, daß niemand auch nur ansatzweise Hicks Thron beerbt hat. Der Mann bleibt eine Ausnahmeerscheinung. Deshalb unbedingt Love all the people holen und lesen.