Louis Malle kannte ich als Filmregisseur von "Fahrstuhl zum Schafott", dass er Dokumentarfilme gedreht hat, war mir neu. Aber ich habe es nicht bereut. Ich war selbst 1979 drei Monate in Indien und 2003 noch einmal 14 Tage auf einer Studienreise dort. Aber ich muss sagen, als Rucksacktourist sieht man nur die touristische Seite Indiens und bei einer Studienreise ist man Gast und geniesst eine sehr großzügige Gastfreundlichkeit der reicheren Gastgeber. Bei einem Gastmahl habe ich Kathak, den nordindischen Tanz, kennengelernt und war so begeistert, dass ich versuchte, ein Video darüber zu bekommen. Alles was ich fand, waren fünf Miniaturclips im Internet, auf denen man absolut nichts erkennen kann. Der Kathak kennt z.B. 84 verschiedene Augenstellungen, in einem Clip kann man die Augen der Tänzer nicht erkennen.
Louis Malles Dokumentarfilme von 1968 zeigen das Leben in Indien, realistischer als man es als Besucher jemals erfahren kann, weil man als Individualtourist, der ständig angebettelt wird, z.B. von Leprakranken, selbst so tief im Verkehr steckt, dass man nicht objetiv dokumentieren kann und die meisten Fotos macht man bei den Touristenattraktionen.
Das tägliche Leben in Indien spielt sich, wie auch in Vietnam, in der Öffentlichkeit ab. Der Film beginnt mit Straßenbauarbeiterinnen und geht mit dem Verzehr eines verendeten Wasserbüffels weiter, der beginnt an den Körperöffnungen.
Bisheriger Höhepunkt des Dokumentarfilms, den ich wirklich allen nur empfehlen
kann, die das Leben in Indien kennenlernen wollen, war eine zwanzig Minuten lange Sequenz, die in einer Tanzschule gedreht wurde und neben Kathak auch den südindischen Kathakali zeigte. Die Tänzerinnen haben erst nach 15-20 Jahren ihren ersten Auftritt, vorher wird jeden Tag geübt und das Training sieht aus wie bei einem Schaukampf, mit Lehrern, die ähnlich wie im buddhistischen Tempel mit einem Schlagholz das Tempo vorgeben. Der Tanz ist so schnell, dass der Betrachter sich gar nicht gleichzeitig auf Kopf, Hände, Körper und Füße konzentrieren kann. Die Tänzer und Tänzerinnen sind so konzentriert, dass sie das Kamerateam vergessen haben.
Über das Leben in Kalkutta gibt es eine eigene Disc. Ich kann mich erinnern, als wir 1979 mit dem Zug durch Kalkutta kamen, blieben wir die eine Stunde Aufenthalt im Bahnhof, da wir nichts Gutes über diese Stadt gehört hatten. Jetzt habe ich 85 Minuten Leben und Sterben in Kalkutta gesehen und zum Glück nur durch die Kamera, denn vor Ort hätte man das nicht aushalten können, weil es dem Sterben so nahe ist. Für Mao Tse Tung demonstrierende, rote Fahnen schwenkende, junge Frauen laufen an den mit zwei Meter langen Schlagstöcken bewaffneten Polizisten vorbei und steigen am Ende der Demonstration friedlich und gewaltfrei in einen Bus, der sie in ein Gefängnis bringt, wo sie drei Tage bleiben müssen. Die Männer werden da schon ordentlich durchgeprügelt, aber die werfen auch mit Steinen. Während eine religiöse Demo, man sagt Prozession, die Strasse benutzt, hat die gewalthafte Demo Pause.
Louis Malle hat hier Dokumente geschaffen, die eine Welt zeigen, die niemand bisher so kannte und das Leben in Indien hat sich nur insofern geändert, als es jetzt noch mehr Lastwagen gibt und neben jedem auf der Straße schlafenden Bettler liegt heutzutage ein Handy. So stelle ich es mir jedenfalls vor.
Die Aufnahmequalität ist für diese Zeit und dieses Klima fantastisch, aber nicht zu vergleichen mit heutigen Dokumentarfilmen. Gerade durch die etwas ältere Aufnahmetechnik gewinnt man auch den zeitlichen Abstand, dan man braucht, um das, was man sieht, überhaupt aushalten zu können, Menschen, die vom ersten Tag an um ihr Leben kämpfen müssen, denen allerdings auch der Tod nichts ausmacht, weil sie ihn immer vor Augen haben. Die spätere Nobelpreisträgerin Mutter Theresa wird in der Dokumentation über Kalkutta mit einem Krankenhaus für alte und totkranke Menschen erwähnt.
Am liebsten würde ich an alle, die sich für Indien interessieren, und es einmal besucht haben, diese Dokumentation verschenken. Da das nicht geht, empfehle ich sie einfach.