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Louis Armstrong. Ein extravagantes Leben
 
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Louis Armstrong. Ein extravagantes Leben [Gebundene Ausgabe]

Laurence Bergreen


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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Donnerblitzbub Satchmo

Louis Armstrongs hundertster Geburtstag wird gefeiert

Louis Armstrong wurde nicht am 4. Juli 1900 geboren, sondern am 4. August 1901. Doch das ominöse Datum, das der legendäre Musiker selber ausgeheckt hat, ist zu schön, um nicht gefeiert zu werden. Dieser Tage ist auch eine neue Armstrong-Biographie erschienen.

Louis Armstrong (1901–1971) war eine Jahrhundertgestalt – nicht nur als Jazzmusiker. Seine Fähigkeit, die verschiedensten Musikrichtungen seinem Personalstil anzuverwandeln, sein Schauspieltalent, vor allem aber seine überbordende Herzlichkeit, die alle Klassen- und Rassenvorurteile überwand, machten ihn zu einer der grossen Figuren des Säkulums.

Satchmo, wie er in   Verkürzung seines Spitznamens «Satchelmouth» genannt wurde, blieb ein Fixstern am Jazzhimmel – auch als der Bebop, den er nicht verstand und schroff ablehnte, seinen New-Orleans- und Swing-Stil ablöste und Trompeter ganz anderen Zuschnitts die Epoche zu prägen begannen: zunächst Dizzy Gillespie, der immerhin Armstrongs clowneske Seite teilte, dann Miles Davis, der als ernster junger Mann den Showstar Satchmo, der in zahlreichen Filmen ein gemütvoll-burleskes «Onkel Tom»-Klischee zementierte, zutiefst verachten musste.

Armstrong war jedoch nicht nur als Instrumentalist und Sänger ein Genie; er war auch ein Meister der Selbsterfindung. Mehrfach hat er sein Leben in Buchform erzählt – geglättet erst in «Swing That Music» (1936), freier und überzeugender dann im 1952 französisch, zwei Jahre später auch englisch erschienenen Buch «My Life in New Orleans», einem Glanzstück der Fabulierkunst. Stets aber hat er den 4. Juli 1900 – den Nationalfeiertag des Jubeljahrs – als seinen Geburtstag angegeben. An diesem Tag wurde er gefeiert, und allmählich glaubte er wohl selbst an ihn. Seine Geburtsurkunde weist indes den 4. August 1901 als das korrekte Datum aus. Armstrongs weltweite Fangemeinde löst das durch die widersprüchlichen Chronologien entstandene Problem nun, indem sie zweimal feiert – wie beim Millennium.

Als Laurence Bergreen, Sachbuchautor in New York City, sich an sein biographisches Grossprojekt wagte, hatte er bereits Lebensbeschreibungen Irving Berlins und Al Capones – beileibe keine schlechte Kombination zur Vorbereitung auf Armstrong – publiziert. Die Originalausgabe seines Werks, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt, erschien 1997 bei Broadway Books und wurde in der amerikanischen Presse, so in der «New York Times Book Review», eifrig gelobt. Das ist von hier aus nicht recht nachvollziehbar; denn das Buch ist, mit einem Wort, ein Historienschinken. Diese der Unterhaltungsliteratur zuzurechnende Textsorte entsteht, wenn Heldenverehrung und Sammlerfleiss sich mit den Stilmitteln des Trivialromans artikulieren.

Nun ist freilich kein Armstrong-Biograph zu beneiden: Die schriftlichen Lebenszeugnisse, die Ton-, Bild- und Filmdokumente sind kaum zu überblicken, die Wirkungsgeschichte ist ein Fluss ohne Ufer. Schon Armstrong selbst war ein leidenschaftlicher Dokumentalist in eigener Sache und ein unermüdlicher Briefschreiber; Reiseschreibmaschine, Sammelmappe und Tonbandgerät gehörten zu seiner Tourneeausstattung wie Trompete und Einstecktuch. Und das Leben, das er dergestalt multimedial festhielt, war ja farbig genug: Es führte aus Armut und Elend zum Weltruhm; weder Zuhälterei noch vier ziemlich chaotische Ehen und zahllose Affären, weder schurkische Manager noch Drogendealer, neidzerfressene Konkurrenten sowie zahllose andere schräge Vögel fehlten in diesem wahren Entwicklungs- und Schelmenroman, der in einem noch völlig von der Rassendiskriminierung geprägten Amerika spielte und in dem bisweilen kaum Platz für die ungeheure Leistung des Musikers zu bleiben schien.

Bergreen erzählt dieses turbulente Leben in aller Breite nach und zitiert oder paraphrasiert dabei bekannte wie unbekannte Quellen. Er hat viel Archivarbeit geleistet; aber auch bei Giddins, Jones/Chilton, Hentoff/Shapiro und anderen bedient er sich. Zudem hat er – für die späteren Jahre – zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen führen können. An Fakten mangelt es also nicht. Dennoch wirkt seine Darstellung aufgedunsen, effekthascherisch und hollywoodhaft. Erzählerische Ökonomie ist dem Autor so fremd wie methodische Skepsis. Munter stapelt er die disparatesten Belege aufeinander. Wo ihm direkte, präzise Informationen fehlen, gibt er ein «Zeitgemälde»: Mit ausdauerndem Behagen erzählt er etwa vom Mardi Gras, vom Voodoo-Kult, von der Schifffahrt und dem Bordellwesen in New Orleans.

Über 250 Seiten zieht sich, dem trägen Mississippi gleich, die Darstellung hin, bis Armstrong am 5. April 1923 endlich seine erste Plattenaufnahme macht. Zwar liest man einmal mit Interesse, dass der Künstler ein begeisterter Schlemmer war, unablässig Marihuana rauchte und ebenso oft das Abführmittel Swiss Kriss nahm; hier aber wird man buchstäblich über jede Schüssel kreolischen Reis mit roten Bohnen, jeden Joint, jeden Verdauungsvorgang einzeln orientiert. Der Stil ist mitunter der des Groschenromans: «Der kleine Louis sog Musik, Frauen, Honkytonks und Musiker seiner rauen Nachbarschaft in sich auf», steht da geschrieben, oder: «Er hoffte immer noch auf ein zufriedenes Leben mit Daisy, der Hure mit dem Herzen aus Stein.» Man bedauert die Übersetzerin und sieht ihr die zahlreichen Holperer nach.

Zu Armstrongs Musik ist bei Bergreen über das Anekdotische hinaus nicht eben viel zu erfahren. Zwar werden die frühen Jahre mit Joe Oliver und Fletcher Henderson, auch jene der «Hot Five» und «Hot Seven» ausführlich referiert; spätere Aufnahmen werden dagegen nur gestreift oder fehlen ganz. Die Einspielung von «Porgy and Bess» mit Ella Fitzgerald etwa ist dem Autor gerade neun Zeilen wert. Die grossartigen Aufnahmen mit Oscar Peterson werden mit keinem Wort erwähnt; das Gleiche gilt für späte Hits wie «Blueberry Hill» oder «Cabaret». Ohnehin geht es nicht um die Musik, sondern um die Begleitumstände ihrer Entstehung. Zwar weist sich das Buch – mit brauchbarer Auswahldiskographie, Filmographie, Anmerkungsapparat und Register – als Fleissarbeit aus; dennoch ist es kein analytisches Werk, sondern ein Schmöker. Über den Menschen Armstrong erfährt, wer genug Geduld aufbringt, gar manches; über seine Kunst lernt er so viel wie aus «Ben Hur» über die frühen Tage der Christenheit.

Manfred Papst

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 21.06.2000
Die bislang ausführlichste Biographie des Jazzmusikers Louis Armstrong liegt nun auch auf Deutsch vor, und diese Ausführlichkeit ist ihr Werner Burkhardt zufolge nicht zur Länglichkeit geraten. Der Rezensent lobt das Buch, das aufschlussreich für den Novizen und reich an kleinen überraschenden Details für den Kenner sei. Keine glatte Erfolgs-Story, die das derbe Herkunftsmilieu Armstrongs weder ausspare noch dramatisiere. Nebenbei zeichne der Autor lebendige Porträts wichtiger Weggenossen Armstrongs wie etwa von Bix Beiderbecke, Bessie Smith oder Lil Hardin, Satchmos zweiter Frau. Auch den umfangreichen Apparat findet Burkhardt nützlich; er bedauert einzig, dass der Autor nicht den Mut gehabt hat, sich der kräftigen Ausdrucksweise zu bedienen, die er an Armstrong so bewundert.

© Perlentaucher Medien GmbH

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