--- Zu der Comicreihe Lou! allgemein ---
Zuerst mal vorneweg: Ich bin 33 Jahre alt und ein Mann! Deshalb wäre mir dieses rosarote Kleinod der französischen Comickunst fast entgangen. Glücklicherweise bin ich a) ein Comicfan und schaue in fast alles mal rein und b) habe ich zuerst den dritten Teil von Lou! in der Hand gehabt, dessen Einband in grau gehalten ist.
Wie gesagt bin ich Comicliebhaber, aber das heißt nicht, dass ich alle Comics toll finde. Im Gegenteil, wie bei wohl den meisten Liebhabern bin ich extrem wählerisch. Das Problem bei Comics ist, dass sie meist entweder inhaltlich toll, aber zeichnerisch langweilig sind (Peanuts, Hägar etc.), oder sie sind grafisch fantastisch, haben aber inhaltlich nichts zu bieten bzw. erzählen eine langweilige Story (fast alle sogenannten "Kunstcomics"). Nur ganz wenige Comics schaffen es, beides zu verbinden. Meine persönliche Top 3 Liste:
3. Sin City von Frank Miller (Achtung: 18+!) - Grafisch fantastisch, sehr unterhaltsam, aber auch düster und mit wenig Parallelen zu meinem Leben (zum Glück!...)
2. Calvin und Hobbes von Bill Watterson - Witzig, philosophisch, mit viel Identifikationspotenzial, und besonders in Calvins Phantasien sehr unterhaltsam gezeichnet. Tolle Arrangements der Sonntagspanels. Leider wird er dadurch zurückgehalten, dass er als Zeitungsstrip erschienen ist: Jede Zeile muss für sich allein funktionieren etc. Eine zusammenhängende Geschichte wie in einer Graphic Novel ist da schwer.
1. Lou.
Was ist so toll an Lou?
1. Die Charaktere. Sie haben alle ihre liebenswerten Macken, die man von den geliebten Menschen in der eigenen Umgebung so gut kennt. Man hat sofort das Gefühl, neue Freunde gefunden zu haben.
2. Viel von der Wirkung kommt aus Julien Neels Fähigkeit, die Umgebung passend zu den Charakteren zu gestalten. Lou ist z.B. nicht immer gleich angezogen wie die Helden anderer Comics. Wenn sie deprimiert ist, sitzt sie mit zerzausten Haaren und (peinlichen?) rosa Plüschpantoffeln in eine Decke gewickelt auf dem Sofa. Ihre Mutter, obwohl eigentlich mit toller Figur, hat im Gegensatz dazu immer den gleichen Pulli an, und man merkt, dass das Leben für sie nicht gerade einfach war und sie dadurch vielleicht nicht genug auf sich achtet.
3. Julien Neel hat keine Angst vor Veränderungen. Er schafft es immer wieder, liebgewonnene Dinge oder Traditionen durch ein einschneidendes Ereignis zu beenden und etwas neues entstehen zu lassen - so wie im echten Leben: Es war eine gute Zeit, aber jetzt kommt etwas neues. Im Lauf der Zeit, auch innerhalb eines Bandes, werden Lou und ihre Freundinnen älter, Freundschaften verändern sich, Beziehungen beginnen und enden, und es passiert auch mal eine richtige Katastrophe - ohne dabei die positive Grundstimmung des Comics zu verlieren. (Die Veränderungen beziehen sich hauptsächlich auf die späteren Bände.)
4. Der Autor gestaltet die Seiten als ästhetisches Ganzes und hängt nicht nur Panels aneinander. Besonders deutlich wird das auf den Einbandseiten, die als Auszug aus Lous Tagebuch gestaltet sind, mit eingeklebten Fotos und Kritzeleien etc. Aber auch sonst experimentiert er mit Formaten und gestaltet die Seiten so, dass sie schon aus der Entfernung schön aussehen.
5. Wer in Calvin und Hobbes den zeichnerischen Übergang zwischen Realität und Phantasie mag, dem werden z.B. die Szenen gefallen, in denen Lous Mutter an ihrem Buch schreibt... Julien Neel ist in der Lage, bei Bedarf seinen kompletten Zeichenstil zu wechseln.
6. Der Comic spielt in der echten Welt. Hier gibt es keine Zwerge und Elfen, hier gibt es Muttertage und Omabesuche und Ferien und Umzüge... Das Identifikationspotenzial ist riesig.
Mir hat der Comic so gut gefallen, dass ich den 5. Band auf Französisch gekauft habe (was ich eigentlich nicht wirklich lesen kann) weil er auf Deutsch noch nicht erschienen war. Insgesamt sollen es übrigens 8 Bände werden, die vom Erwachsenwerden von Lou erzählen. Man kann also vermuten, dass sie im 8. Band 18 wird.
Ein Nachteil soll nicht verschwiegen werden: Lou! ist schon im Französischen sehr klein gedruckt und im Deutschen nochmals kleiner. Obwohl ich gute Augen habe, finde ich es anstrengend, einige Sachen zu entziffern.
--- Zum ersten Band von Lou! ---
Der erste Band hat schon fast alles, was an Lou! so liebenswert ist. Er ist allerdings mehr als die anderen Bände auf einzelne Seiten als auf eine zusammenhängende Geschichte ausgelegt. Lou kämpft unter anderem mit einer nicht ganz spruchreifen Verknalltheit in ihren Nachbarn und gegen den Rosenkohl ihrer Oma. Gegen Ende passiert noch etwas, was man nur als "das Leben" bezeichnen kann...