Ein Buch ohnegleichen, ein schwieriges Buch, ein Roman gegen den literarischen Strich geschrieben - dies und mehr sind noch keine literarischen Kriterien. Schließlich heißt der Autor des Romans "Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos" Peter Handke, und "schwierige" Bücher hat er schon immer geschrieben. Gilt er doch als eine Art Enkel des großen Goethe. Und seit dem neuen Roman auch noch als ein Urenkel des großen Cervantes. Aber der Reihe nach.
Ein "Menschenbuch", ein "Sehnsuchtsbuch" hat der Verlag, sicher nicht ohne Billigung des Schriftstellers, versprochen. Unter solchen Ansprüchen hat Handke es eigentlich in letzten Jahren nie getan. So mit "Mein Jahr in der Niemandsbucht" (1994) und "In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus" (1997). Alles bereits "Zurüstungen für die Unsterblichkeit" (1995), die der Kärntner Autor mit "Bildverlust" wohl erreicht zu haben glaubt. Nichts da. Der neue Roman, als Gegen-Roman zu zeitgenössischen Literatur konzipiert, ist misslungen. Er dokumentiert, zumindest für den Augenblick, den Verlust der schriftstellerischen Kompetenz des Autors Peter Handke, der so sehr die Selbststilisierung, die Dichter-Pose liebt.
Vermutlich hat uns Handke sogar eine Geschichte zu erzählen. Nur ist sie in diesem opus magnum, in diesem "Vorwurf für eine andere Odyssee", kaum erkennbar. Denn "Wirr ist die Geschichte, und klar die Pein", so steht es geschrieben. Die Pein des Lesers, der sich mühevoll, oft genug verzweifelt, manchmal wütend ob der Zumutung durch 759 Seiten quälen muss. Und es klingt wie eine Erlösung, wenn er auf der letzten Seite lesen darf: "Im Erzähllokal wurden die Lichter abgedreht."
Mit den "innerweltlichen" und "universalen" Abenteuern einer wendischen Bankerin mit arabischen Vorfahren sollen wir vertraut gemacht werden. Sie stammt aus einer "nordwestlichen Flusslandschaft" und macht sich auf eine Reise nach Spanien, durch die Sierra de Gredos. Sie hat wohl mehrere Biographien, unter anderem war sie schon einmal eine Filmdiva, die mit Erfolg die Gattin des König Artus gab, sie hat einen Bruder mit terroristischen Neigungen und eine Tochter, die als verschollen gilt - jedoch "anwesend in Erinnerung und Sehnsucht" ist. Aber "Was für ein Durcheinander. Und kein Zusammenhang." Wie wahr.
Warum sie reist, wir werden es kaum erfahren. Auch nicht, wer eigentlich in diesem Roman erzählt. Die Heldin Namenlos jedenfalls hat dafür einen Autor unter Vertrag genommen, der für sie die Kärrnerarbeit des Erzählens verrichten soll. "Von vornherein bestand sie auf einem mehr oder weniger zünftigen Schriftsteller", der aus der Mancha stammt und - welch ein Zufall - Bilder von Miguel de Cervantes und seinem unsterblichen Don Quijote evoziert. Damit der Leser wenigstens an dieser Stelle weiß, woran er ist. Wie es überhaupt der Hilfe bedarf. Das weiß auch der Autor Handke. Und so belehrt er zwischendurch den Leser auf unnachahmliche Oberlehrerart über dies und das.
Bilder, "Bildschnuppen" gibt es in diesem Buch und Abenteuer, die allerdings kaum dem klassischen Kampf gegen die Windmühlen gleichen. Quittenbäume der Kindheitserinnerung wachsen in einem arabischen Dorf und tragen Früchte. Eine Sänfte mit dem abgedankten Karl V. ist zu sehen. Einen Busfahrer mit Sohn gibt es, ein wandernder Steinmetz trifft eine Errötende, auch ist die Reise eine "Liebesreise" auf der Suche nach einem fernen Geliebten.
Das ist auf Dauer - und auch davon handelt das Buch, von "einer noch längeren Dauer" - anstrengend. Aber auch dieses Dauer hat ein Ende. Und so kommt es zum "Bildverlust", durch einen fatalen Sturz in eine Grube, die nicht nur die Heldin der Bilder beraubt. Und das liest sich dann so: "Vorderhand? Nein, endgültig. Persönlicher Bildverlust? Ihr eigener? Nein, allgemeiner...." usw. Bis hin - wie auch anders: zum "universellen Bildverlust".
Verquast, oft gegen alle Regeln der Syntax, philosophische Betrachtungen bis zur Unverständlichkeit, stilistische Überhöhungen bis zur Unkenntlichkeit, nur selten ist der frühere Sprachmeister zu erkennen. Frei daher erzählt der Dichter-Philosoph. Wem? Uns? "Es erzählt sich", "ich, du es, ihr, sie wir, wir werden frei dahinerzählt, aus dem eigenen Land, hinaus in ein anders Land, eine Zeitlang wenigstens, und so immer wieder, und dann und wann als die angemessene Kostbarkeit im Buch unseres Lebens." Und deshalb: "Erzählen ist Erzählen ist Erzählen..."
Ehrlich. Es "erzählt sich" besser und ist spannender und aufregender, sich mit der schnulzigen Illustriertengeschichte über die Liaison des Dichters Peter Handke mit der Filmdiva Katja Flint zu befassen, als mit diesem Buch.