Neue Zürcher Zeitung
Die Welt auf häsisch
Der Buchtitel «Warum der Hase lange Ohren hat» ist nicht als Frage formuliert. Im Titelbild deutet sich sogleich eine mögliche Antwort an: Warum, darum! Bei Hasen sind nun einmal die Ohren lang. Besonders beim Papa, der das eine gekrümmt trägt, damit es Platz hat im Bildrahmen, indes das andere vom Rahmen ein wenig beschnitten wird. Mama, etwas kleiner, kann die ihren anmutig im Raum entfalten. Dem Hasenbaby schliesslich, das zwischen den Eltern sitzt, werden die keck aufgestellten Zipfelchen schon noch wachsen. Aber eben, warum? Martin Auers lakonischer Erzählanfang bringt wieder kein Fragezeichen, sondern erklärt «einfach», wie er sagt: «Der Hasenpapa zieht sie ihm immer lang.» Eine Selbstverständlichkeit. Hasenvater wünscht, dass das Kind «folgt», dieses aber «macht immer, was es will». Kein Wunder, werden da die Ohren immer länger. «Wenn das Hasenkind Hasencomics lesen will, anstatt zu schlafen, zieht ihm der Papa . . .»
Linda Wolfsgruber illustrierte die Geschichte vortrefflich. Sie transponiert das bürgerliche Hasenmilieu, das im Titelbild einen Jahrhundertwendeton anschlägt, konsequent immer tiefer in die Gegenwart hinein. Beim Comics-Lesen rückt sie einen riesigen Hasen-Batman diagonal ins Gesichtsfeld des Häschens, dessen Ohren sie auf der folgenden Seite fast der von oben ins Bild greifenden Vaterpfote entzieht; denn das Hasenkind selbst kann man nur noch versteckt zwischen den gemalten Seiten eines braven Hasenkinder-Lexikons ahnen. Nach sechs Doppelseiten dieser Art geht der Prozess textlos weiter. In Hasenohr-Zentimetern am Bildrand lässt sich die Reifung ablesen, die das Früchtchen bildstark durchläuft: Hasenmädchen plagen, Gebäude besprayen, rauchend an finsteren Strassenecken herumhängen, im schnittigen Zuhause, ins Leben, wo das Beisichzuhausesein in neuer und doch vertrauter Art wieder beginnt. Dass nicht nur ein Hasenohr, sondern auch der flatterige Kamm eines Hühnchens optisch zum Sprechen gebracht werden kann, lässt sich schön beobachten in «Lotties neues Badetuch» von Petra Mathers. Die unprätentiöse Geschichte weist in den Sommer voraus. Mit fast nichts (und allerdings graphisch sehr gekonnt) gedeiht ein ganz gewöhnlicher Tag zum Vorgeschmack von Abenteuer und Lebensglück.
Anna Katharina Ulrich